Von Gabriele Vensky

Die Wände im Haupteingang zum Goldenen Tempel in Amritsar und die marmornen Stufen, die hinunterführen zum Teich der Unsterblichkeit, aus dem sich, in Gold und Silber fein gehämmert, der allerheiligste Schrein der Sikhs erhebt, sind gepflastert mit kleinen Täfelchen. Auf allen steht derselbe Inhalt: Singh, Singh, Singh ... gefallen für die Sikhs und die Nation, die letzten im Krieg gegen Pakistan 1971. Nur die Vornamen unterscheiden die Inschriften. Sie alle künden davon, daß Sikhs bereit sind, für ein Ideal das eigene Leben zu opfern.

Vielleicht werden bald einige hundert neuer Namen hinzukommen – die Namen jener, die beim Sturm der indischen Armee auf den Goldenen Tempel und bei den anschließenden Säuberungsaktionen im Punjab umkamen. Es hat mehr Tote gegeben als die 500, die offiziell genannt werden.

Obwohl Extremistenführer Bhindranwale und seine fanatischen Anhänger den meisten Sikhs bisher kaum denkmalswürdig erschienen sind, als Tote sind sie es nun, als Märtyrer einer Sache, mit der sich bisher nur eine Minderheit identifizierte. Die Schändung ihres größten Heiligtums durch eine Hindu-Elitetruppe, die im fernen Assam speziell für diesen Einsatz ausgebildet wurde, überzeugte die meisten Sikhs davon, daß es die Regierung in Delhi nicht gut mit ihnen meint. Der Versicherung Indira Gandhis jedenfalls, sie habe den Punjab in letzter Minute vor einer großangelegten Verschwörung gerettet, vor Chaos und Aufstand, können sie nicht glauben.

Denn weiterhin weigert sich die Regierung, zur Kenntnis zu nehmen, daß es im Punjab um politische Fragen geht, selbst wenn sich das hinter dem religiösen Gewand der Sants verbirgt. Im Sikkhismus sind Religion und Politik seit langem eine Einheit. Das haben selbst die beiden miteinander um die Führung rivalisierenden Sants (Religionsführer) nie bestritten, der Fundamentalist Bhindranwale, der offen den Heiligen Krieg und den eigenen Sikh-Staat Khalistan forderte, und der Chef der Sikh-Partei Akali Dal Longowal, der von Indira Gandhi ernsthafter Verhandlungen nicht würdig befunden und deshalb immer mehr in die extremistische Ecke getrieben wurde.

In Delhi wird die Punjab-Frage nach wie vor als ein Problem von Gesetz und Ordnung behandelt. Bhindranwale und seine Kohorten werden als Kriminelle abgestempelt, die angeblich mit Drogenhandel ihre aufwendigen Waffenkäufe finanzierten. Solche Verdächtigungen aber sind ebenso abgenutzt wie der Versuch, die tiefgeschockte Nation mit dem Hinweis auf eine Bedrohung von außen auf Einheit einzuschwören. Hinter den Extremisten, so deutete die Ministerpräsidentin dunkel an, stehen der Erzfeind Pakistan und die CIA. Der tote Bhindranwale aber, so scheint es, wird für Indira Gandhi gefährlicher sein als der lebende.

Und die Überlebenden? Die bisher schweigende Sikh-Mehrheit ist aus ihrer apolitischen Passivität aufgeschreckt. Die Sikh-Truppen haben gemeutert, wie es die moderne indische Armee bisher nicht erlebt hat. Sikh-Prominente wie Amarander Singh, Ex-Maharaja von Patiala und Vertreter des Indira-Sohnes Rajiv, der sich schon auf seine Rolle als künftiger Ministerpräsident des Punjab vorbereitete, hat sein Abgeordnetenmandat unter Protest niedergelegt; oder wie Khushwant Singh, von Indira Gandhi individuell ernanntes Oberhaus-Mitglied und einer der bekanntesten Journalisten Indiens, der seine Auszeichnungen demonstrativ an den Staat zurückgab; oder wie Prakash Singh Badal, Ex-Ministerpräsident des Punjab;er sprach sogar von einem offenen Krieg der Regierung gegen die Sikh-Nation.