Neuer Führungsstil: Die ÖTV-Chefin sucht den Konsens mit der Basis

Knapp zwei Jahre ist es her, da gewann Monika Wulf-Mathies den erbitterten Kampf um die Nachfolge von ÖTV-Chef Heinz Kluncker. Jetzt, beim 10. ordentlichen Kongreß der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr in München, gilt es, eine erste Bilanz zu ziehen.

Hat die neue Vorsitzende die Erwartungen ihrer Wähler erfüllen können? Viele, die ihr im September 1982 die Stimme gaben, hofften, daß mit der neuen Spitze auch in der Organisation einiges anders werden würde. Monika Wulf-Mathies stand für den Neubeginn schon von ihrer Herkunft und Statur weit mehr als ihr Kontrahent Siegfried Merten – ein Mann der alten Garde, ein Kumpel – kurz ein typischer Gewerkschaftsführer. Die promovierte Germanistin dagegen, jetzt 42 Jare alt, Vertreterin der Nachkriegsgeneration, ist eine Gewerkschafterin ohne "Stallgeruch" und ohne Ochsentour, die ein gestandener Funktionär üblicherweise vorzuweisen hat.

Es war also die Verdrossenheit mit den großen, alten Männern, die Monika Wulf-Mathies vor zwei Jahren die knappe Mehrheit der Delegiertenstimmen bescherte. Zwar war Heinz Kluncker der unumstrittene Herrscher aller Bediensteten, doch genau das hatte in den letzten Jahren seiner Amtszeit so manchen Unmut in der Mitgliedschaft erregt. Denn Kluncker regierte mit fester Hand und, wenn er es für nötig hielt, allein durch seine übermächtige Physis, die Kritiker auch ohne große Worte zum Verstummen brachte.

Die "Neue", das ist klar, kann weder in der Körperfülle noch in der langjährigen Erfahrung mit ihrem Vorgänger mithalten. Respekt hat sie sich trotzdem verschafft. Zum einen erkennen alle ihren Fleiß und ihre Einsatzbereitschaft an, zum anderen registrieren viele mit gewissem Stolz, daß die Vorsitzende in der Öffentlichkeit ein ganz neues Bild von der Interessenvertretung der vielgeschmähten Angestellten von Bund, Ländern und Gemeinden bietet.

Lautes Poltern, Machtworte und rücksichtslose Durchsetzungskraft – das sind nicht die Mittel, mit denen sie sich in Szene setzt. Sie will argumentieren, überzeugen, motivieren. Und tut das auf eine ruhige, aber beharrliche Art. Manchen Widerständen zum Trotz hat die neue Vorsitzende auch innerhalb der Organisation ihren partnerschaftlichen Führungsstil durchgehalten.

Mehr Demokratie freilich, so sehr sich Mitglieder und Funktionäre sie zu Zeiten der eher autoritären Herrschaft ihrer Vorgänger gewünscht hatten, bringt mehr Probleme mit sich. Denn viele, die sich einst so bitter über zu wenig Mitsprache beklagten, fühlen sich plötzlich allzu sehr in die Verantwortung eingebunden. Sie mußten feststellen, wieviel einfacher es war, den Mitgliedern eine unpopuläre Entscheidung mit dem Hinweis auf den starken Mann an der Spitze zu vermitteln, als einen gemeinsam gefaßten Beschluß voll mitzutragen und vertreten zu müssen.