Aber das deutsch-deutsche Verhältnis steht ständig vor neuen Belastungen

Von Carl-Christian Kaiser

Ostberlin, im Juni

Besucher sind seltener geworden. Auch die Ständige Bonner Vertretung in Ostberlin spürt die Kampagne, mit der die DDR-Regierung Reise- und Ausreisewünsche in ihrem Staat, nach überraschender Großzügigkkeit zu Jahresanfang, wieder einzudämmen versucht. So kommen auch jene spärlicher, die zum Beispiel nur Erbschaftsangelegenheiten besprechen möchten. Zwar wird niemand, wie gelegentlich in zurückliegenden Zeiten, am Betreten des Gebäudes in der Hannoverschen Straße gehindert. Aber wer es verläßt, muß sich häufiger als früher darauf gefaßt machen, daß Kontrolleure in Uniform oder Zivil gleich um die Ecke seine Papiere verlangen.

Erst recht kann die Vertretung nicht jenen helfen, die sie unbedingt als Ausweg benutzen wollen. Da gibt es verborgene Dramen – die freilich um so fataler auszugehen drohen, je mehr sie an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Die Momentaufnahme aus dem Juni 1984 gleicht einem Vexierbild. Nach außen hin erscheint alles ziemlich normal. Doch hinter dem Alltagsbetrieb stecken neue Spannungen und Probleme, vielleicht größer als je zuvor. Was Wunder, wenn auf die Vertretung Argusaugen starren.

Kritische Aufmerksamkeit hat das deutsch-deutsche Verhältnis auch schon vor zehn Jahren bestimmt, freilich auf ganz andere Weise. So trug der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann nur einen dunklen Anzug statt des üblichen Cuts und vor dem Präsidialamt waren nur zwei Grenzschützer statt des Ehrenzugs der Bundeswehr postiert, als Michael Kohl, der erste reguläre Vertreter der Deutschen Demokratischen Republik, am 20. Juni 1974 sein Beglaubigungsschreiben überreichte. Die Bonner Doktrin, nach der die beiden deutschen Staaten füreinander nicht Ausland sind, schlug bis auf die Kleiderordnung durch.

Nicht mehr wegzudenken