Zwei Menschen wie er würden „den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrund richten“.Durch „Greuel“ hat er „die Welt verschönern“ wollen. Karl Moor, Räuber, ein deutscher Jüngling und Schreckensmann. Ein entsetzlicher Mensch; vielleicht sogar entsetzlicher als Bruder Franz, die Kanaille. „Die Räuber“, ein Monsterdrama aus Deutschland: so kann man es lesen, und so wird es oft genug (und qualvoll genug) aufgeführt.

Aber da gibt es auch Auftritte wie diesen, die zweite Szene im dritten Akt. Der Räuber Moor, plötzlich ganz zaghaft, „legt sein Haupt auf Grimms Brust“. Der Räuber Grimm muß seinen Hauptmann ermahnen: „Wie? sei doch kein Kind – ich bitte dich –“ „Wär’ ich’s – wär’ ich’s wieder!“ klagt da der Moor. Im Bochumer Schauspielhaus ist er es wieder geworden.

Alfred Kirchner, und das ist mehr als ein Einfall, ist eine Entdeckung, hat gesehen, daß nicht nur „Tod“ und „Mord“ Schlüsselworte in Schillers jugendlichem Greueldrama sind, sondern seltsamerweise auch „Glück“ und „Kindheit“. Das ist der tiefere Sinn einer auf den ersten Blick überrumpelnden, scheinbar nur schlauen Regie-Idee: Kirchner verlegt das Stück an den Ort seiner Herkunft, in die Karlsschule, jene finstere Zuchtanstalt, in der der Knabe Schiller sieben Jahre seines Lebens wie ein Gefangener zubringen mußte.

„Die Räuber“: nun nicht mehr ein Gleichnis für die ganze deutsche Geschichte, beladen mit allen Greueln, von Hermann dem Cherusker bis Auschwitz. „Die Räuber“, viel schlichter: der Theatertraum des Schülers Schiller. Das Welttheater als Kindertheater.

Die Bühne von Gero Troike und Vincent Callara: ein Schlafsaal, hohe, fensterlose Wände, schmale Türen. Wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt, liegen die Karlsschüler schlafend auf harten Holzpritschen, auf dem Schoß hat jeder die silberweiße Perücke. Einer fährt schreiend aus dem Schlaf hoch, ein anderer marschiert nachtwandelnd, im Exerzierschritt, durch den Saal. Vorn an der Rampe ein Ort der Idylle: zwei kleine Blumenbeete.

Einer der Knaben schneidet sich die Hosenbeine ab: Franz Moor (Christian Berkel). Er sieht aus wie ein fröhliches Kind; wenn er teuflisch sein muß, auch wie ein Comic-Schurke. Thomas Schendel spielt den alten Moor so, wie sich ein Schüler einen Tragödienvater vorstellen mag – als eine ganz und gar ernsthafte Karikatur, mit „inniger Ironie“, würde Peter Handke sagen.

Sogar die heikelste Besetzung gelingt: Ulrich Wesselmann spielt das Fräulein Amalia von Edelreich. Natürlich wird das auch eine Parodie: wie der Knabe im Mädchenkleide leidet und barmt, wie er ganz spitzig „itzt“ sagt, die Augen jüngferlich niederschlägt oder flehend zum Himmel richtet. Eine Gaudi – die aber erstaunlicherweise das Rührende der Figur nicht vernichtet, sondern erst richtig zum Vorschein bringt.