Einsiedeln, im Juni

Der Wirbelsturm, von konfessionellen Windmachern erzeugt, verrauschte von Tag zu Tag mehr, auch im dürren Blätterwald der Presse. Der Papst ist eben nicht "wie ein Orkan" durch die Schweiz gefegt, und seine "erstickende Allgegenwart" (von der Züricher Weltwoche prophezeit) hat niemandem den Atem geraubt. Nirgendwo in der Eidgenossenschaft hat den Pontifex Jubel umbrandet", weshalb auch der "nie dagewesene Personenkult" (den Hans Küng voraussah) ausblieb – sogar im Wallfahrtsort Einsiedeln. Das lag nicht nur am schweizerischen Temperament, das Freude schwer in Begeisterung und Argwohn selten in Protest umschlagen läßt; Johannes Paul II. selbst tat alles, um die Gemüter – und die Erwartungen zu dämpfen. Bei aller Hast seines Programms war er um Unaufdringlichkeit bemüht, um Rücksicht auch auf die provinziellen Berührungsängste eines kleinen Landes, in dem die Christen gleichwohl einander längst näher sind als ihre amtlichen Glaubenshüter.

Zwar hat der Papst in Genf und in Kehrsatz bei ökumenischen Begegnungen keinerlei Sprünge über dogmatische Barrieren gewagt, aber man habe ja auch "keine Entscheidung provozieren" wollen und "keine Wunder erwartet", bekannten nun seine protestantischen Gesprächspartner. Sie, die es vorner beim Gedanken an den Gast aus Rom gefröstelt hatte, zeigten sich vom Klima der Begegnung geradezu erwärmt. Es sei "die Trennung überwunden, wenn auch die Einheit nicht erreicht", lautete ihre optimistische Formel. Daß sich Johannes Paul II. ihren kritischen Anfragen ebenso stellte wie denen, die ihm Theologen und Priester der eigenen Kirche vortrugen, zeugt von menschlichem, nicht päpstlichem Entgegenkommen. Nur zur Vergangenheitsbewältigung, zu der er aufrief, leistete der Papst selbst einen Beitrag, in dem er Zwingli und Calvin einen christlichen Platz neben der Ketzerecke einräumte.

Bei allem Respekt für Schweizer Freisinn und Neutralität entging dem Pontifex die Enge des Alpenlandes nicht. "Scheut Euch nicht, über den Zaun zu schauen", mahnte er die Eidgenossen und warnte sie davor, "mit eurer Wirtschaft und eurem Bankwesen nicht – vielleicht indirekt – zu Krieg und Unrecht in der Welt beizutragen". Da hat wohl auch mancher "die Faust im Sack" geballt – so wie jener Priester, der im Kloster von Einsiedeln dem Papst zehn Forderungen vortrug und ihm dann doch "lieber die Hand reichen wollte. Hansjakob Stehle