Von Michael Voslensky

An der Spitze des „Komitees sowjetischer Frauen“ steht Valentina Tereschkova, die 1963 Kosmonautin war und seither als Verkörperung des offiziellen Schlagwortes von der völligen Gleichberechtigung der sowjetischen Frau gilt. Außer diesem „Komitee“ gibt es in der UdSSR keine gesetzlich zugelassenen Frauenorganisationen. Fast zwanzig Jahre nach Tereschkova flog noch eine Sowjetfrau in den Weltraum – Svetlana Savitzkaja. An Bord der Orbitalstation „Saljut-7“ wurde sie von den männlichen Kollegen mit den Worten empfangen: „Sweta! Deine Schürze wartet schon auf dich!“ Die Sowjetpresse zitierte diese Begrüßung als Beispiel guten Humors. Welche Reaktionen hätte ein ähnlicher Scherz im Westen ausgelöst, wäre die Astronautin Sally Ride so begrüßt worden ...? Warum Svetlana Savitzkaja che Frotzelei ihrer männlichen Kosmonauten-Kollegen ganz selbstverständlich hinnahm, das erklärt das Buch:

Carola Hansson/Karin Liden: „Unerlaubte Gespräche mit Moskauer Frauen“; Roitman Verlag, München 1983; 214 S., 24,80 DM,

das nach erfolgreichen Ausgaben in Schweden und den USA nun auch in deutscher Sprache vorliegt. Es zeigt nämlich, daß es in der Sowjetunion einfach keine öffentliche Bewegung gibt, die fähig wäre, zur Bildung eines aktiven weiblichen Selbstbewußtseins beizutragen. Aufgrund der Veröffentlichung dieses Buches wurden die Initiatorinnen einer derartigen Bewegung in Moskau und Leningrad Repressionen ausgesetzt, einige sogar ausgewiesen. Auch für die beiden Journalistinnen Carola Hansson und Karin Liden, die die Interviews führten, war es nicht leicht, in Moskau dem wachsamen Auge des KGB zu entgehen, doch sie waren darauf vorbereitet. Als sie aus der UdSSR ausreisten, mußten sie sich auf dem Zollamt fast nackt ausziehen, aber Tonbänder hat man dennoch nicht gefunden. Die Schwedinnen ließen sich die Tonbandkassetten nachschicken.

Im Jahr 1969 konnte der Kurzroman von Natalja Baranskaja „Eine Woche wie alle anderen“ nur von der Zensur stark gekürzt erscheinen. Auch in seiner beschnittenen Form bleibt dieser Kurzroman ein einzigartiges Werk, in dem ein ungeschminktes, nüchternes Bild der sowjetischen Frau gezeichnet wird. Das gleiche Bild entsteht aus den Gesprächen der beiden schwedischen Journalistinnen mit Frauen in Moskau. Die Frau in der UdSSR wird zwischen Heim und Arbeit aufgerieben; sie möchte eine liebende Frau sein, doch ihre Zeit reicht nicht einmal für die Kinder aus, geschweige denn für den Mann; sie träumt davon, schön zu sein, doch die Last des Alltags läßt sie vorzeitig altern; wegen ihrer ständigen Überanstrengung gelingt es ihr nicht, beruflich Karriere zu machen, aber die Arbeit aufgeben kann sie auch nicht – wovon soll sie sonst leben? Für ihr geistiges Wachstum bleibt ihr einfach physisch keine Kraft.

Die Moskauer Gesprächspartnerinnen sind keine Dissidentinnen und keine „Emanzen“ im hiesigen Sinn. Sie erörtern keine politischen Fragen, und an offenen Protest dürfen sie schon gar nicht denken. Mit rührender Offenheit erzählen sie über ihren Alltag, ihre Sorgen und Wünsche. „Der Zustand der Gesellschaft läßt sich an den Lebensbedingungen der Frauen ablesen“, sagt nicht ohne Bitterkeit eine von ihnen.

Der hohe Anteil von Frauen unter den Erwerbstätigen ist keineswegs ein Ergebnis der Gleichberechtigung, sondern der niedrigen Löhne: Der Lohn des Ehemanns reicht für die Familie nicht aus. Zu den typischen Frauenberufen in der Sowjetunion gehören neben den Berufen wie Ärzte und Pädagogen u. a. Krankenschwestern (99 Prozent), Stenotypistinnen (99 Prozent), Bibliothekarinnen (95 Prozent), Textilarbeiterinnen (72 Prozent). In diesen Berufen liegen die Gehälter unter dem Durchschnitt (182 Rubel im Monat): Sogar eine Kinderärztin verdient nur zwischen 120 und 130 Rubel.