"Historische Psychologie des Karnevals", von Florens Christian Rang. Welchen Sinn hat es in einer Situation von "Krieg und Revolution" nach dem Ersten Weltkrieg über Karneval zu sprechen? Diese Situation ist Karneval, das ist die halbironische Antwort von F. C. Rang, den Benjamin den tiefsten Kritiker des Deutschtums seit Nietzsche genannt hat. Der Grund, weshalb ich den Text, der den Stempel seiner Zeit nun wirklich überdeutlich trägt, für aktuell halte, ist, daß sich in dem expressionistischen Wortrausch eine Katastrophenbewältigung abzeichnet. Die von Nietzsche und Frazer inspirierte Konstruktion des Karnevals, als eines Lückenbüßers für die nicht festgelegte Zwischenzeit, die sich aus der Differenz von Sonnen- und Mondjahr ergibt, zerfällt in drei Stadien: 1.) das Chaos wird von den alten Großreichen der Antike anerkannt und domestiziert, 2.) die an den Rand Gedrängten (die Griechen) verwandeln die große Angst in das große Toben (gegen die Perser); die Totalität des Tobens geht, 3. Phase, über in die Totalität der Askese. Nun, wir sind im 20. Jahrhundert, muß man sich wieder einmal auf die Einbeziehung der Angst und des Tobens vorbereiten. Wir haben keinen antiken Karneval mehr, wir haben aber Katastrophen. Rang versucht, die auf den Ersten Weltkrieg folgende Erschütterung als vulkanische Situation zu begreifen und sich anzueignen. Diese "organizistische" Geschichtsansicht, die der von Scholem zur jüdischen "Gnosis" bekehrte Benjamin nicht mehr teilen wird, legt den Gedanken an eine "neue Geburt" nahe. Die intensive moderne Arbeitswelt ist Indiz dafür, daß das Bedürfnis nach Totalisierung das gleiche ist wie eh und je, also müssen wir uns "stählen", heißt es auf der letzten Seite von Rangs Essay, in Erwartung des neuen Tobens. Wenn etwas, was für abgelebten Expressionismus symptomatisch ist, heute wieder mit gegenwärtigen Erwartungen in Übereinstimmung gesehen werden kann, kann man nur rufen: "Vertigia terrent" – die Spuren schrecken. Möge man diesen Text identifikatorisch nur in diesem Sinn lesen, daß man die eigene Vorgeschichte kennen lernen will: die Vorgeschichte der heutigen Warner, der neuen Wilden und der Postgeschichtler und Postmodernen, die sich allesamt wartend oder wild auf neue Katastrophen einrichten. Die Bunker und Trutzburgen der postmodernen Architektur bringen den Erwartungsinhalt mit wünschenswerter Deutlichkeit zur Erscheinung. Es wäre sinnvoll, in Rang nicht einen Vorläufer für das eigene wilde Denken und den tobenden Neuexpressionismus zu sehen, sondern im angstlüsternen Warten auf den Einschlag ein traditionsreiches Muster zu erkennen, das sich bis auf den Steinzeitkreis zurückbeziehen läßt, in dem die Clansgruppe dem niederfahrenden Meteoriten entgegenharrte. (Verlag Brinkmann & Bose, 1984; 80 S., 15,– DM.)

Caroline Neubaur

"Mein erster Kreis – Die Geschichte einer Jugend", von Olof Lagercrantz. "Nur der, der außerhalb steht, sieht das Ganze" – dieser Satz August Strindbergs über die Position des Schriftstellers in der Gesellschaft beschreibt auch den Reiz der Memoiren, in denen er zitiert ist. Gerade der Blick vom Rande Europas und des Weltgeschehens macht die Erinnerungen des schwedischen Publizisten und Schriftstellers Olof Lagercrantz für Leser außerhalb Schwedens interessant – selbst wenn der Autor nur die "Geschichte einer Jugend" (die Jahre von 1911 bis 1934) erzählt. Der Sohn einer angesehenen Offiziersfamilie wächst im Geist des 19. Jahrhunderts auf. Der Vater verkörpert die alten "Ritterideale" und treibt mit Disziplin und Konvention sich selbst und anderen jedes Gefühl aus. Früh lernt Olof auch die Schattenseiten jener überholten aristokratischen Welt kennen. Erstes Opfer ist die Mutter: Vor der standesgemäßen Strenge und Kälte des Mannes bleibt ihr nur die Flucht in die Depression; sie endet in der Irrenanstalt. Zweites Opfer ist die Schwester: Sie stürzt sich mit 19 Jahren aus dem Fenster. Olof wird durch Krankheit gerettet: Die Tuberkulose entreißt ihn dem häuslichen Einfluß und läßt ihn wichtige Erfahrungen machen: "Ich war ausgewählt, am Rande zu leben, und das paßte mir ausgezeichnet." Im Sanatorium entdeckt er die Literatur, lernt die Nähe des Todes und die "Katastrophen der ersten Liebe" kennen.

Ein sehr persönliches Buch, poetisch, lebensweise und nie ausschließlich privat. Immer wieder durchsetzt Lagercrantz seine knappe Erzählung mit aktuellen Glossen und kulturkritischen Fußnoten. Er ist hart im Urteil, aber er verurteilt nicht. Sein Erinnerungsband endet, bevor er sich für einen Beruf entschieden hat. Das macht neugierig auf die Fortsetzung. Denn Lagercrantz war jahrzehntelang Chefredakteur der bedeutendsten skandinavischen Tageszeitung Dagens Nyheter. (Aus dem Schwedischen von Angelika Gundlach; Insel Verlag, Frankfurt, 1984; 231 S., 26,– DM.)

Wolfgang Nagel