Nach fünf trüben Wochen war das ein erster Lichtblick: Georg Leber als Schlichter im Metallkonflikt, auf den sich beide Parteien einvernehmlich geeinigt haben – das hat Symbolkraft. Der ehemalige Bauarbeiterführer steht wie kaum ein anderer Gewerkschafter der Nachkriegszeit für Vernunft, Augenmaß und Kooperationswillen im Verhältnis der Tarifvertragsparteien, die zu seiner Zeit nichts dabei fanden, sich Tarifpartner zu nennen. Er hat immer wieder bewiesen, daß sich auch schwierige oder neuartige soziale Fragen ohne den Einsatz so plumper Waffen wie Streik und Aussperrung am Verhandlungstisch lösen lassen – eine Kunst, die Arbeitgeber und Gewerkschaft der Metallindustrie bis heute nicht beherrschen.

Vor einer solch schwierigen Aufgabe wie diesmal stand Georg Leber in seiner Zeit als aktiver Gewerkschafter allerdings nie. Er hat es nämlich nie soweit kommen lassen. Die Schäden des Arbeitskampfes sind bereits so groß, und es wurde von beiden Seiten soviel Prestige investiert, daß eine Einigungsformel nur noch schwer zu finden sein wird. Sie müßte es der Gewerkschaft und den Arbeitgebern gleichermaßen erlauben, das Gesicht zu wahren – und die IG Metall müßte es wagen können, mit ihr in eine neue Urabstimmung zu gehen.

Aber vielleicht gelingt es Georg Leber noch einmal, den Geist vergangener Jahre in Stuttgart wiederzubeleben. Nur zur Erinnerung: Es war die Zeit, in der soziale Fortschritte wie nie zuvor in der deutschen Geschichte erreicht wurden. Es waren Jahre, in denen nicht Klassenkämpfer, sondern Männer wie Georg Leber die Gewerkschaftspolitik prägten. mj