Von Charlotte Kerner

Auf dem Elbdampfer herrscht Ausflugsstimmung. Doch plötzlich fällt ein Kind von der Sitzbank. Seine Arme und Beine beginnen zu zucken. Die Umstehenden weichen zurück: "Entsetzlich! Was ist denn das?"

Die Eltern antworten mit einer weißen Karte, die sie den Schaulustigen in die Hand drücken. Darauf steht: "Sie haben soeben einen behinderten Menschen gesehen. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, wenden Sie sich an folgende Adresse ..." Es folgt die Anschrift von Stefanie Gronmeyer, 70, in Hamburg. Sie leitet seit 14 Jahren eine "Arbeitsgemeinschaft für Anfallskranke".

Anfang Juni wurde die Selbsthilfegruppe, Vorbild für inzwischen 28 ähnliche Zusammenschlüsse in der Bundesrepublik, mit dem "Kinderschutzpreis 1984" des Deutschen Kinderschutzbundes in Höhe von 10 000 Mark ausgezeichnet.

Die Idee für die Karte stammt von Stefanie Gronmeyer. Sie weiß aus eigener Erfahrung, daß den Eltern anfallskranker Kinder bei Anfeindungen, die schon in der Sandkiste beginnen, oft die Worte fehlen. Der jüngste ihrer drei Söhne bekam als Einjähriger nach einer Pockenimpfung eine Hirnentzündung und danach seinen ersten epileptischen Anfall. Das war vor 32 Jahren.

Seitdem hat sich die ehemalige Sportlehrerin zu einer Expertin in Sachen Epilepsie weitergebildet. Sie arbeitete im Epilepsie-Zentrum Bethel, sie kennt die deutschen Spezialkliniken, sie bringt Ärzte und Laien bei Informationsabenden zusammen. Aus sechs Familien, der Kerngruppe, wurden inzwischen 150 Mitglieder. Eltern mit anfallskranken Klein- und Schulkindern haben sich mit epilepsiekranken Jugendlichen und Erwachsenen zu Gesprächsrunden und für Freizeitaktivitäten zusammengeschlossen. "Am meisten haben wir gewonnen meint Stefanie Gronmeyer, "wenn wir mit unserem Auftreten den Gedanken des Makels verdrängen, den unsere Gesellschaft immer noch an diese Krankheit heftet."

"Epilepsie" stammt von einem griechischen Wort für "heftig ergreifen, packen". Es beschreibt den "großen Anfall" (Grand mal), der bis heute bei Laien die Vorstellung von dieser Krankheit prägt: Sturz, Bewußtlosigkeit, minutenlanges Zucken des Körpers und der Gliedmaßen, Blauwerden, Zungenbiß und damit verbunden blutiger Speichelschaum vorm Mund.