Von Heinz Werner Hübner

Mit welchen Ziffern wäre die Nation konfrontiert, wenn die Demoskopen auf die Idee kämen, den Bürger zu befragen, worauf er lieber verzichten wolle, auf Kohls Kanzlerschaft oder auf Friedrich Nowottnys „Bericht aus Bonn“?

Eine unernste Fragestellung, gewiß. Aber Demoskopen haben ermittelt, daß der deutsche Fernsehzuschauer nicht bereit ist, auf die Tagesschau der ARD um 20.00 Uhr zu verzichten. Hier solle nicht nur eine Institution vernichtet, hier solle eine Lebensgewohnheit verändert werden. So die übergroße Mehrheit, und eines der Argumente: Man verabrede sich vor oder nach der Tagesschau.

Auf den ersten Blick einleuchtend, nur, wenn man sich vor der Tagesschau verabredet, sieht man sie in der Regel nicht, und damit ist die Zahl der Zustimmenden, die dieses Argument benutzen, um die Tagesschau zu erhalten, halbiert. Und was anscheinend besonders empört, ist die Tatsache, daß dieser Anschlag auf das tägliche Zeitgerüst des nicht nur arbeitsamen, sondern auch an den Zeitläufen interessierten Bürgers von einer Gruppe von Männern ausgeheckt worden ist, die auch heute noch selbstherrlich wie die Fürsten der Vergangenheit bestimmen und entscheiden.

Gemeint sind die Intendanten der neun Landesrundfunkanstalten, die in der ARD zusammengeschlossen, gemeinsam das 1. Programm ausstrahlen. Diese neun Herren haben zusammen mit ihren Programmdirektoren am 18. April in Hamburg über das Programm und die Zukunft der ARD nachgedacht. Und mit Zukunft ist die zweite Hälfte der achtziger Jahre bis zum Ende dieses Jahrhunderts gemeint.

Das Echo auf diese Beratung ist laut und skurril zugleich. So stehen, wenn es um die Tagesschau geht, der bayerische Staatsminister Stoiber und die Gewerkschaftspostille Welt der Arbeit Seite an Seite. Für den einen ist der Gedanke an eine Verlegung des Tagesschau-Sendeplatzes bürgerfeindlicn, der andere erklärt die Intendanten schlicht für verrückt.

Beide übersehen, und das haben sie gemeinsam mit fast allen anderen Kritikern, daß das Thema in der ARD nicht die Verlegung der Tagesschau nach vorn oder nach hinten ist, sondern daß es um Chancengleichheit geht. Wie sie gegenüber dem ZDF und späteren kommerziellen Programmanbietern erreicht und gesichert werden kann, ist auch in der ARD selbst umstritten. Bedenken