Journalisten haben rauhe Sitten und krempeln an ihren Hemden die Ärmel hoch. Die Blätter, für die sie schreiben, haben meistens den Namen „Post“, mit irgendetwas davor, zum Beispiel „Washington ...“

Knallharte Idealisten sind sie, sitzen in neonhellen Großraumbüros, jeder ein Bogart. Sie brüllen sich oft furchtbar an, wenn sie mit den Nerven fertig sind (und das sind sie fast immer). Beim Schreiben trinken sie Kaffee aus großen Pötten. So sind sie – in schlechten amerikanischen Fernsehserien.

Trotz aller Rancher-Romantik ist etwas Schönes an diesen Trenchcoat-Leuten: Leidenschaft. Sie halten den Journalismus nicht bloß für irgendein Gewerbe, sondern sind Journalisten wie andere Menschen Indianer.

Unangenehme Leute sind sie, Raucher, meist mit einem Bein auf der Straße, aber immer neuen Geschichten im Kopf. Die Zeitung ist ihre Philosophie: Wie dem Sisyphos der Stein den Berg hinunterrollt, vergilben ihnen die Blätter. Auf der Flucht vor der verlorenen Zeit entstehen die nächsten Geschichten.

Manche Steine aber bleiben auf dem Berg. Ich meine, zum Beispiel, die Arbeiten der Journalistin und Publizistin Oriana Fallaci, eine der ganz Großen des Metiers, in Florenz geboren, heute schon über fünfzig Jahre alt. Sie hat bewiesen, daß die Reportage dem Roman, überhaupt fiktionalem Erzählen überlegen sein kann. Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat einen dieser Beweise unter neuem Titel wiederaufgelegt. Zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschien das Buch 1970 als „Wir, Bestien und Engel“. Jetzt heißt Oriana Fallacis Vietnam-Reportage „80 Tage in der Hölle“.

Oriana Fallaci meldete sich nach Dak To, an die vorderste Front. Sie sah die zwanzigjährigen Amerikaner für die Eroberung des Hügels 875 sterben. Sie besuchte den für seine Brutalität bekannten General Loan am Krankenbett, als er heulte, weil er am Bein verwundet worden war. Sie las in den erschütternden Tagebüchern getöteter Vietkong und schrieb: „Man muß sich die Menschen aussuchen, über die man weint, drei Milliarden sind zuviel.“

Als sie sich entschloß, die Vietkong zu beweinen, mußte sie sich von den Amerikanern fragen lassen: „What’s wrong with you?“ Auf die argwöhnische Frage, warum sie nach Vietnam gekommen sei, hat sie geantwortet: „...weil ich an meinen Beruf glaube, an das Moralische in meinem Beruf. Das wäre eine Antwort, und es ist wohl auch eine. Ich könnte sagen, weil ich denjenigen den Krieg erklären will, die ihn nicht kennen. Das wäre eine Antwort, und es ist wohl auch eine. Aber der eigentliche Grund ist ein egoistischer: Ich bin hier im Krieg, weil ich ihn begreifen will.“ Dann schrieb sie vor allem darüber, worum sich die kriegführenden Politiker, Militärs und Industriellen am wenigsten kümmern: Menschen.