Von Hans Otto Eglau

Warum der Doktor Detlef Hensche, stellvertretender Vorsitzender der IG Druck und Papier und intellektueller Vordenker gewerkschaftlicher Langzeitstrategien,gerade auf den CDU-Professor Kurt Biedenkopf als Vermittler im Tarifkonflikt der Druckindustrie kam, wissen nicht einmal die mit den taktischen Finessen solcher Schaukämpfe vertrauten Beobachter ganz genau. War es die bei gelegentlichen-Podiumsdisputen oder frühen Begegnungen in Biedenkopfs Bochumer Arbeitsrechtseminar gewachsene gegenseitige Wertschätzung? Oder steckte dahinter, wie der Düsseldorfer SPD-Minister Friedhelm Farthmann, selbst einmal Schlichter im Druckerstreik, vermutet, die listige Annahme, „daß ein CDU-Mann den Arbeitgebern eher Zugeständnisse abtrotzen kann als ein Sozialdemokrat“?

Gleichgültig, was der frühere Leiter der Abteilung Gesellschaftspolitik des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Sinn hatte, als er in Abstimmung mit dem Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Manfred Belz-Rübelmann, schon Anfang Mai Biedenkopf telephonisch um dessen gute Dienste bat – auf einen unbequemeren Makler hätten sich die Streitparteien kaum verständigen können. Der so in die Pflicht genommene Vermittler wäre nicht Kurt Biedenkopf, hätte er seinen Job nur darin gesehen, nach altbewährtem tarifpolitischen Strickmuster Nachhilfe in Zahlenakrobatik zu erteilen. Vielmehr sieht er, wie er außerhalb der Verhandlungsszene im zehnten Stock des Düsseldorfer Interconti-Hotels zu erkennen gab, als Neutraler zwischen den verhärteten Fronten die reelle Chance, für die Druckindustrie mit ihren 200 000 Beschäftigten zu einer Form der Arbeitszeitverkürzung zu kommen, die auch für andere Branchen Modellcharakter haben könnte.

Hinter diesem Versuch steht die Sorge des Gesellschaftspolitikers Biedenkopf, daß – angeheizt durch den Arbeitszeitkonflikt – die Bundesrepublik auf eine gefährliche soziale Belastungsprobe zutreibt. Innerhalb seiner Partei warnte er in den letzten Monaten deshalb immer wieder davor, sich einseitig auf die harte Linie der Arbeitgeber festzulegen und die Arbeitszeitfrage zu dogmatisieren. Mit keinem anderen Bonner Spitzenpolitiker hält Biedenkopf gegenwärtig so enge Fühlung wie mit Norbert Blüm. Anders als namhafte Politiker der Bonner Koalition, die die Gewerkschaften am liebsten durch eine demütigende Niederlage für ihren Arbeitskampf bestraft sähen, lobte Biedenkopf auf dem Stuttgarter CDU-Parteitag demonstrativ den DGB für die „Fähigkeit, unterschiedliche Arbeitszeit-Lösungen unter einem Dach zu verkraften und damit das Managen von Vielfalt zu lernen“.

In der Abkehr von einer „zentralistischen, undifferenzierten tarifpolitischen Entwicklung“ und der Hinwendung zu einer stärkeren Flexibilisierung sieht der Professor, der 1976 erfolglos mit dem Filzokratievorwurf gegen SPD und DGB in den Wahlkampf gezogen ist, die eigentliche Aufgabe der Gewerkschaften. „Auf dem Weg dort hin“, so Biedenkopf am 25. Mai vor bayrischen Bauunternehmern in Nürnberg, „wird es außerordentlich schwierige Probleme der Tarifpolitik geben. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit bedeutet nämlich eine stärkere Individualisierung der Arbeitszeitvereinbarungen und dies wiederum bedroht das Regelmonopol der Tarifparteien, insbesondere der Gewerkschaften.“

Statt auf diese politisch einzudreschen, empfiehlt der zeitweilige Henkel-Manager viel mehr Konsensbereitschaft: „An einer solchen Wendemarke ihrer Situation brauchen die Gewerkschaften Hilfe.“

Für den Wanderer durch Wissenschaft, Politik und Wirtschaft heißt dies in seiner gegenwärtigen Rolle vor allem: die Gewerkschaften davor zu bewahren, mit ihrem trotzigen Festhalten an der Forderung nach Einführung der 35-Stunden-Woche „gegen die Wand zu fahren“. Daß im Grundsatz eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit nicht aufzuhalten, ja notwendig ist, hat Biedenkopf früher als die meisten seiner Parteifreunde erkannt. Schon seit Jahren stellt das von ihm 1977 gegründete Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in Bonn eingehende Berechnungen von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage an. In einer Studie (interner Titel: Irrwege auf dem Arbeitsmarkt) will Biedenkopfs Think tank seine Erkenntnis im Herbst unter die Leute bringen.