Von Monika Putschögl

Willi zerrt und zieht an seinem Ehering. Er sitzt einfach zu fest, geht kaum mehr vom Finger. Doch der stämmige junge Mann vor uns kennt kein Erbarmen. Er fordert alles: Ringe und Ketten, Armbänder und Uhren. Fast nackt, nur noch in Badesachen, stehen wir da, haben uns natürlich längst auch von unseren Kameras getrennt. Ich verfluche den Tag, an dem ich Reisejournalistin geworden bin und noch mehr den, an dem ich mich für die Fahrt nach Ontario entschlossen habe – und ärgere mich, daß ich nicht den Mut habe, feige zu sein. Warum sage ich nicht einfach: "Macht doch eure Wilderness Tour allein."

Angesagt ist Wildwasserfahren auf dem Ottawa River, eine der abenteuerlichsten Arten, mit kanadischem Wasser in Berührung zu kommen. Daß man mit dem nassen Element näher Bekanntschaft macht, als man es wünscht, ist nicht ausgeschlossen. Daher die Vorsichtsmaßnahmen: Aller Schmuck muß abgeliefert werden. So kann man auf dem Wasser zwar die Balance, aber nicht die Preziosen verlieren. Dann unterschreiben wir, daß wir alle und die Veranstalter überhaupt keine Verantwortung tragen und daß wir uns der Gefahren durchaus gewärtig sind.

Unsere Kameras werden erst in Säcke verpackt, die kommen dann in eine Truhe, die Truhe wiederum kommt in einen Seesack, und der kommt ins Boot. Wir kommen in knallenge und wenig kleidsame Neoprenanzüge, die Füße in klitschnasse Strümpfe. Das soll warm halten – und tut es auch.

Ein strahlend blauer Himmel wölbt sich über Beachburg, wo "Wilderness Tours" ihren Sitz haben. Die Gebrüder Kowalski, Herren über 65 schwarze Schlauchboote, organisieren die wilden Touren. Es ist eisig kalt an diesem Maimorgen, sechs Grad, aber die Begleiter unserer Wasserpartie, Jim und Alex, zwei sehnige Jungs – durchtrainiert, als würden sie beide um den Titel eines Mister Universum konkurrieren –, zeigen Muskeln und laufen nur in Turnhöschen herum. Wir verweichlichten Städter trennen uns nur schwer von unseren Jacken und Pullovern.

Das Schlauchboot wird zu Wasser gelassen: ein riesiges, schwarzes Monster. Jeder bekommt ein Paddel in die Hand gedrückt und eine Menge Instruktionen vorgebetet, die so richtig Mut machen: Wer ins Wasser fällt, soll sich bitte gleich auf den Rücken legen, mit den Beinen nach vorn, so kann man besser einen Aufprall, zum Beispiel auf einen Felsen, abwehren als mit dem Kopf. Zwei bis drei Minuten überlebt man mit blanker Haut im eisigen Wasser, darum haben wir auch unsere Anzüge an, denn darin hält man zehn bis 15 Minuten durch. In der Zeit kommt garantiert Jean Luc angepaddelt, der uns in einem Kanu begleitet und wenn’s sein muß, aus dem Wasser zieht. Und immer daran denken: Nie auf den dünnen Gummiboden des Bootes knien, da könnten Felsen drunter sein, und dann, na ja ...

Der Fluß sieht so trügerisch runig aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Wir sitzen, festverzurrten Paketen gleich – über den Anzügen tragen wir noch Schwimmwesten –, auf dem Bootsrand und plantschen los. Vorne Jim, hinten Alex, dazwischen zwei Frauen und fünf Mann in einem Boot. "Nice and easy" kommandiert Jim und wir versuchen, möglichst in irgendeinem Rhythmus, den aber keiner kennt, mit unseren Paddeln im Wasser herumzurühren. Das Boot bewegt sich dennoch, Die erste Stromschnelle nehmen wir mit Bravour und ohne es recht zu merken: Eine Woge spritzt hoch, wir werden pitschnaß, wirbeln mit unseren Paddeln hektisch durch die Luft, ducken uns verschreckt hinter die Seitenwülste und kommen dank eines schieren Wunders oder dank Jim, der sich am Bug unseres schwarzen Riesens verbissen, aber zielstrebig durch die Fluten kämpft, durch.