Bildungspolitik heute: Das ist nicht der große konservative Gegenschlag nach der Wende, sondern das ist wie Badewasser – es läuft aus der Wanne und verschwindet still in der Kanalisation. Die Bildungspolitik ist dabei, sich lautlos zu verabschieden.

Das Bundesbildungsministerium hat seine Selbstmontage so weit vorangetrieben, daß es sich nunmehr auch auflösen könnte. Von einem wichtigen Instrument dieses Ressorts – den Modellversuchen – ist nur ein stumpfer Rest geblieben. Die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung hat ihre Reform- und Mittlerfunktion längst eingebüßt. Die Kultusminister verwalten vor sich hin, sie kommen – wie Schwier in NRW mit seiner Vorstellung, Gesamtschulen Gymnasien anzupassen – auf dumme Gedanken, oder sie verbringen – wie Oschatz in Niedersachsen – die Zeit damit, einige arbeitslose deutsche Lehrer in die USA zu vermitteln.

Ein bildungspolitischer Ansatz bei den Grünen ist nicht zu erkennen: In Hessen fiel ihnen kaum mehr ein, als vom Partner SPD die Zulassung von fünf Alternativschulen zu fordern. Von der FDP war in den letzten Monaten nur Genscher zu vernehmen: Seine Diskussion um Eliten rettete, im fiktiven Raum angesiedelt, immerhin die eine oder andere Tagung über die Flaute.

So ist Ruhe im Land. Aber es sind doch nicht nur die „obwaltenden Umstände“, die Ralf Dahrendorf unlängst an dieser Stelle skizziert hat, sondern es ist auch die Lust- und Einfallslosigkeit einer gegenwärtigen Politikergeneration, die auf Bundes- und Länaerebene Bildung verwaltet.

Sie alle hätten versäumte Lektionen genügend aufzuarbeiten. Sie könnte Mythen killen: Statt beispielsweise dem Irrationalismus anzuhängen, Noten bis in die zweite Stelle hinter dem Komma berechnen zu lassen, könnten sie der Frage nachgehen, wie man menschliche Leistungen adäquater beschreiben kann. Sie könnten dem Unsinn der sturen Einteilung schulischen Lernens in 45 Minuten Zeitrhythmen entgegensetzen, die an der Sache und am Kind, nicht aber an der Stundenplanphilosophie eines Konrektors orientiert sind.

Sie könnten noch einmal in den uneingelösten Empfehlungen des Bildungsrates nachlesen und sich zum Beispiel die Schulverwaltungsreform vornehmen oder mehr Gelegenheiten für doppelqualifizierende Abschlüsse schaffen.

Sie müßten nicht 200, sondern 50 000 arbeitslosen Lehrern Hilfestellungen geben und es ihnen erleichtern, wenigstens in ein paar Jahren in ihren Beruf zurückzukehren. Sie müßten sich um die Masse jener irritierten Studenten kümmern, die nicht das Fach ihrer Wahl, nicht einmal das ihrer zweiten Wahl, sondern ein Verlegenheitsfach studieren. Sie müßten, statt nur der Rotation und dem Exodus des akademischen Mittelbaus Vorschub zu leisten, Möglichkeiten entwickeln, junge wissenschaftliche Intelligenz produktiv und verstärkt auch jenseits der Hochschulen zu plazieren.

Die Wiederherstellung von Bildungspolitik in einer Zeit des Vakuums: Darauf warten wir. Viele Ziele der Bildungsreform waren nicht falsch, sie sind nur auf halber Strecke abhanden gekommen oder zu Tode verwaltet worden. Die Qualität eines Bildungspolitikers beweist sich nicht in der Zeit der Konjunktur, wenn vieles leicht fällt und das große Geld fließt, sondern im Gegenwind. Die „obwaltenden Umstände“ sind keine Entschuldigung fürs Schwänzen, dafür, Bildungspolitik im Verwaltungshandeln verschwinden zu lassen. Jürgen Zimmer