Scheitert ein Pionierprojekt an drei Klassenräumen?

Von Horst Rumpf

Münster-Gievenbeck, Wartburg-Grundschule, Ganztagszweig – eine überschaubare Schule am Rand von Münster, in einem Neubaugebiet. Diese Schule ist kein fremder Klotz im Stadtteil, die Schulzeit (an drei Tagen der Woche zwischen acht und 16, an zwei Tagen zwischen acht und 13 Uhr) ist kein Fremdkörper im Tageslauf der Grundschulkinder. Die Treppenhäuser, der Garten, die Räume (jede Klasse belebt zwei Räume) erinnern etwas an Werkstätten, an Jugendbibliotheken, auch an Kinderzimmer – sie sind Lebensstätten für Kinder, keine Spur mehr von dem Schulgeruch, der die Lernkasernen von einst, die geschniegelt-glatten Lernbüros von jüngst charakterisierte.

Im Garten sehe ich, an der Schulmauer, ein Schild: „Tierfriedhof“, unbeholfene Holzkreuze, handgemacht, stecken im Boden, fünf oder sechs, mit einem Namen drauf. Schilder in Kinderschrift sind überhaupt sehr vielfältig und charakteristisch, an den Wänden, auf Tafeln und Tischen. „Hier entsteht ein Naturkundemuseum“ lese ich im Treppenhaus – ein ausgestopfter Eichelhäher, eine aufgespießte Hornisse (mit Schild), die Kralle eines Bernhardinerhundes, Muscheln, Versteinerungen – alles unter Klarsichtfolie auf Tischen arrangiert, das sind Spuren der Museums-Aufbauarbeit.

Eine Wandzeitung hängt in der Bücher- und Leseecke des dritten Schuljahrs neben dem sorgsamen Verzeichnis der Verantwortlichkeiten und Dienste (nachdem ich einige Stunden den freimütigen und respektvollen Umgangston in dieser Klasse am eigenen Leib zu spüren bekam, bin ich überzeugt, daß an diesen Wänden keine Kinder-Niederschrift hängt, die nicht von allen erörtert und akzeptiert wurde). Ich lese: „Damit sich alle wohlfühlen: (1) Sagen, wenn man sich ärgert; (2) sich gegenseitig daran erinnern, daß keiner einen auslacht; (3) wenn man ganz wütend ist, das den andern erst sagen. Dann erst mal weggehen und sich beruhigen. Aber hinterher darüber reden.“ Während ich mir das abschreibe, denke ich an die frommen Sprüche der Schulwände meiner Kinderzeit, die offenbar alle vom Himmel gefallen waren.

Im Tageslauf gibt es nicht die abrupten Übergänge, die Schüler und Lehrer unter dem Diktat von Uhrzeit und Stundenplan zwingen, sich an- und auszuknipsen wie Scnreibtischlampen. Zwischen acht und neun kommen die Kinder allmählich zusammen, oft in Begleitung eines Erwachsenen. In der ersten Klasse war in der Nacht ein Meerschweinchen gestorben, welches Ereignis natürlich besprochen wurde; Tierecken gibt es verschiedentlich, in Klasse 3 residiert „Hoppel“, kein Hase, wie mich Henrike belehrt, sondern ein Kaninchen.

Bemerkenswert, daß in dieser Eingangsphase eben nicht das Chaos, das gereizt-gelangweilte Warten auf den „eigentlichen“ Unterrichtsbeginn aufkommt. Einige unterhalten sich ruhig, andere schnipseln und kleben an einem Tisch weiter an ihrem Filz-Eierwärmer in Kükenform herum, den sie gestern begonnen haben. Ein Junge sitzt in der Recntschreibregion vor den „Steckbriefen für Wörter“ und übt. Ein Kreisgespräch über Ereignisse und den Tagesplan beendet diese Phase – eine angenehme, intensive Zeit, die Menschen stellen sich allmählich aufeinander und auf ihre Aufgaben ein. Diese Schule hat es mit Menschenkindern, nicht mit kleinen stundenplangerecht funktionierenden Lernmaschinchen in Menschengestalt zu tun.