Von Wolfgang Gehrmann

Tief in der Nacht um vier ist das Tankschiff Kronos von Nordenham in der Wesermündung ausgelaufen. Jetzt, morgens um halb zehn, zeigt der elektronische Hyperbel-Navigator auf der Brücke eine Position elf Seemeilen nordwestlich von Helgoland in der Deutschen Bucht an.

Kapitän Werner Reimann hat über Radio Helgoland das Wasser- und Schiffahrtsamt Cuxhaven gerufen. Als die Verbindung steht, meldet er mit routinierter Nonchalance: "Wir sind soweit. Neun Uhr einunddreißig wieder am Arbeiten. Eintausendvierhundertacntzehn Tonnen und voraussichtlich acht Stunden. Bis zum nächstenmal, tschüs."

Acht Stunden lang wird sich nun die TMS Kronos durch die kabbelige, graue See schieben, kreuz und quer innerhalb eines begrenzten Meeresreviers von viereinhalb mal fünf Seemeilen. Aus einem Rohr oberhalb der Schiffsschraube pladdert die ganze Zeit eine Flüssigkeit, die im Kielwasser des Schiffs eine dünne, blaßgrüne Fahne zurückläßt, hunderte von Metern lang und deutlich sichtbar, ehe sie allmählich in der See verschwimmt.

Die Spur der Kronos ist das Streitobjekt im bislang spektakulärsten Kampf, den Umweltschützer, Wissenschaftler, Industrie und Behörden um die Verschmutzung der Nordsee führen. Was da ins Schraubenwasser des Tankschiffs fließt, ist Chemieabfall – ein Gemisch aus zwanzigprozentiger Schwefelsäure und Eisensulfat, das mit Meerwasser vorverdünnt worden ist.

Die Brühe stammt aus der Fabrik der Kronos Titan GmbH in Nordenham. Die Chemiefirma produziert dort Titandioxid, ein Weißpigment für die Herstellung heller Farben. Bei den herkömmlichen Produktionsverfahren entstehen Dünnsäure und Eisensulfat als Abfälle, den die Kronos und ihr Schwesterschiff Titan rund fünfmal die Woche in die Nordsee pumpen.

Daß die Kronos zwanzig Stunden nach dem Auslaufen mit leeren Tanks wieder an der Pier in Nordenham festmacht, ohne daß das Bordtagebuch besondere Vorkommnisse notiert, ist nicht ganz selbstverständlich. Immer wieder nämlich sind die Chemikalientanker auf ihren Fahrten von Booten der Umweltschutzorganisation Greenpeace angegriffen worden.