"urz vor KoboKorem, im Norden der äthiopischen Provinz Wollo. Das Elend am Straenrand ist nicht mehr zu übersehen. Immer größere Gruppen von Hungerflüchtigen ziehen über die vor Hitze flirrende Ebene auf ein unsichtbares Ziel zu. Die Menschen sind in knielanges, sackfarbenes Tuch gekleidet. Die Männer haben hinter dem Nacken einen Tragestab oder ein Gewehr quer über die Schultern gelegt und lassen die ausgestreckten Arme über Holz oder Lauf baumeln - von Ferne scheint es eine Prozession Gekreuzigter zu sein. Im Schatten des alten italienischen Forts von Kobo liegt eines der 24 Zentren, in denen in Wollo Lebensmittel verteilt werden. Von 3 2 Millionen Einwohnern der Provinz sind 1 3 Millionen als von Hunger bedroht registriert.

Das klingt unbürokratisch, funktioniert auch so, aber - für Afrika ein gewaltiges Wort - es funktioniert: Jeder Bauer - in Wollo leben 95 Prozent von Selbstgeerntetem - ist Angehöriger einer Bauernorganisation, der "Peasant Association", P A, die einzige wirklich basisverwurzelte "Massenorganisation des Landes. Die P A teilt jeder Familie Land zur Nutzung zu (das Land gehört allen, nicht einzelnen"); bestellt wird das Feld weitgehend individuell. Zur Gründung einer sozialistischen Gemeinschaftsfarm müssen mindestens drei Bauern ihren Betrieb zusammenlegen, zusätzliche Fläche wird nicht bereitgestellt; im übervölkerten Wollo lebt eine Familie von höchstens einem Hektar Land! Das reicht bei zwei Ernten und zwei Regenzeiten zum bescheidenen Leben. Das ist zu wenig, um Vorräte anzulegen, die über mehrere ausgefallene Regenzeiten hinweghelfen könnten. Das System läuft ohne Stoßdämpfer.

Die Peasant Association stellt aufgrund genauer Kenntnis der Verhältnisse die Bedürftigkeit einer Familie fest und gibt "Berechtigungsscheine" aus. Ohne Schein kein Korn. Ein Teil jener Elendsgestalten, die den Staub auf den Verteilplätzen nach verschüttetem Getreide durchsieben, sind, aus welchen Gründen immer, nicht im Besitz des Papiers.

Der Verteilmodus garantiert leidlich geordneten Nachschub und relative Verteilungsgerechtigkeit. Vor allem mindert er das Risiko, daß die Guerillas von den Verteilzentren mitversorgt werden. Boten des Camps rufen die einzelnen Dörfer auf, ihre Ration abzuholen - monatlich maximal 75 Kilo Korn - Tef, Sorghum, Millett, Weizen oder Mais - pro Familie, und einige Liter EGButteröl. Mit Blechdosen wird das Getreide durch den Hals in Ziegenbälge gefüllt, Vorder- und Hinterläufe erleichtern als griffige Zipfel den Abtransport der prallen Säcke.

Über Nacht in einem ehemaligen landwirtschaftlichen Großprojekt der Bundesrepublik. Vor eineinhalb Jahren wurde es bei einem Überfall der "Volksbefreiungsfront Tigre" (TPLF) schwer in Mitleidenschaft gezogen - ein glückliches Ende für ein fragwürdiges Projekt! Das erspart die ewig gleichen Erklärungsversuche in entsprechenden Entwicklungsprojekten, warum man in eine archaische Bauerngesellschaft mit schwerem Maschinenpark einbricht und hartnäckig vermutet, die Menschen könnten von der teuren, fremden Welt der Experten irgendetwas für den Eigenbedarf abgucken und nachahmen. Das erübrigt auch Erklärungen, wie man auf die famose Idee kam, hier mit neuen Pflanzensorten zu experimentieren, wo jedes mißglückte Experiment auf dem Acker den Hungertod der Familie bedeuten kann. Sicher klingt es faszinierend, Sorghum Hirse anzubauen, die m nur 80 statt 120 Tagen reift. Vorausgesetzt: Die neue Sorte ist dürre resistent; sie benötigt weder Kunstdünger noch Insektizide; sie treibt weiter die als Baumaterial benutzten, kräftigen zwei bis vier Meter hohen Stengel; und sie liefert weiter die Blätter, die als Viehrutter unersetzlich sind. An allem haperte es bei der Neuzüchtung.

"Man müßte jedem ausländischen Berater den Mund verbieten, der nicht mindestens drei Monate mit den Menschen zusammengelebt hat, denen er Ratschläge erteilt", wettert ein Spitzenbeamter einer Behörde der Vereinten Nationen in Nairobi, der dringend um Anonymität bittet. Oder man müßte die meisten Agro Großprojekte durch zwei weitere Projekte ergänzen: Eins hätte festzustellen, ob die Betroffenen den Experten Rat überleben könnten; und eins, das die unvermeidlichen Folgen der Eingriffe in die komplizierten tropischen Ökosysteme mildert. Zum Beispiel - leider sind sie noch nicht erfunden - wären Entwicklungsprojekte zur Erforschung salzresistenter Bäume zwecks Aufforstung jener Böden nötig, die erst durch unzulängliche Bewässerungsprojekte versalzen wurden.

"Vor 25 Jahren" - so spielt mit britischem Sarkasmus ein Beobachter der II. UN Konferenz über Wüstenbildung in Nairobi mit Zahlen , da konnte sich Afrika selbst ernähren. Dann kam ein Heer von Experten, die dem schwarzen Kontinent aus der Rückständigkeit helfen sollten; 60 000 sind es heute, überwiegend im Agrarbereich, pro Mann einschließlich Nebenkosten 100 000 Dollar, macht sechs Milliarden im Jahr. Und Afrika hungert immer mehr. Unterstellt man nicht, daß die Experten nichts tun, dann liegt die Vermutung nahe, daß sie das Falsche tun "