Ich finde hier nicht mehr, selbst auf dem „kleinen Balkon“ nicht, diesen vornehmen Mief und dieses Lächeln des sentimentalen Gangstertums, das Marseille oder Hamburg noch heute zum Ruhm gereicht. Der Schriftsteller Léon-Paul Fargue notierte Ende der dreißiger Jahre diese Zeilen über das Tango-Lokal „Le Balajo“ in der rue de Lappe. Mittlerweile haben die Erpresser, Zuhälter, Schieber, Hehler, Spitzel, Taschendiebe, Prostituierten und anderen lächelnden Demi-Mondänen längst das Weite gesucht, aber der legendäre Parcours der Halbseidenen bietet noch immer unverwechselbare Atmosphäre.

Die Straße wirkt düster und eng. Zweistöckige Handwerkerhäuschen stehen neben heruntergekommenen Wohnbauten aus dem 19. Jahrhundert. Niedrige Gänge führen in Hinterhöfe. Auf jeden Schritt spürt man, daß dies die Straße der Wasserträger, Regenschirmverkäufer und Kohlenhändler war. Nur ein solch ärmliches Milieu konnte schließlich die gewitzten Gauner des vergange-

Bonbon aus Paris

nen Jahrhunderts hervorbringen, für die die rue de Lappe berühmt und berüchtigt wurde. Das übel beleumdete Gefängnis „La Grande Roquette“, wo jahrelang öffentliche Hinrichtungen vollstreckt wurden, befand sich gleich um die Ecke.

Genau gegenüber dem „Balajo“ lag das Bordell Es war ein sehr volkstümliches Bordell. „Heute kommen keine Professionellen mehr ins ,Balajo‘. Wir wollen und können sie nicht hereinlassen. Es ist auf bestimmte Gebiete begrenzt, und dies ist ein Tanz-Lokal. Wenn es hier Professionelle gibt, dann sind sie sicher nicht da, um zu arbeiten.“ Seit über einem Jahrzehnt wirkt Jacques Lageat als Direktor im berühmtesten Tango-Lokal von Paris. Der fünfzigjährige Ex-Catcher betont, daß es im Dekor keinerlei Veränderungen gab. Original 1936. Die Kapelle musiziert noch heute auf dem schmalen Balkon vor der betont grellen Wolkenkratzer-Silhouette à la Manhattan. Der Volksmund sagt, die Musiker sitzen erhöht, um vor den scharfen Messern der Gangster geschützt zu sein. Nostalgische Gaslaternen tauchen das Tango-Parkett in schwüles Rot. Dank diesem Halbdunkel, dank diesem Dekor und vor allem dank dem legendären Ruf dieses lichtscheuen Milieus aus Gigolos, Nachtfaltern und Mitternachts-Schwärmern, aus Kriminellen, Schnorrern und Eintänzern fühlt sich noch heute jeder Gast, selbst der bravste Bürokrat, wie ein undurchsichtiger Mafioso.

Monsieur Lageat, ganz der souveräne Direktor eines berühmten Etablissements, erläutert die ungewisse Faszination dieses Ortes in der Grauzone: „Meiner Meinung nach tanzen jene, die den Tango in der Schule gelernt haben, zu überspannt – mir gefällt das nicht so gut. Bei uns tanzt man Tango unkomplizierter als in den Schulen. Dort lernt man nichts als Figuren; die Tänzer denken nur an ihre einstudierten Schritte. Hier tanzen sie freier. Deshalb benehmen sich auch die Damen wesentlich anschmiegsamer. Sie können hier auch einen Fehltritt begehen, das ist nicht weiter tragisch...“

Raoul Hoffmann