Ein Abiturient, der das Thema seines Deutschaufsatzes verfehlt, erhält die Note „mangelhaft“. Ein Handwerkermeister, der gepfuscht hat, muß mit einer Mängelrüge rechnen. Was aber widerfährt einem Wissenschaftler, dessen Vortrag seinem Auftraggeber mißfällt? Er wird kurzerhand ausgeladen, mitsamt mehreren hundert Gästen, wird wie ein Schulbube abgekanzelt und wie ein säumiger Handwerker abgefertigt.

So geschehen in diesem Frühjahr. Mitwirkende: als einladende Veranstalter die Fritz-Thyssen-Stiftung in Düsseldorf und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, als ausgeladener Vortragender Professor Wolfgang Mommsen, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London und Sproß einer berühmten Gelehrtenfamilie. Jene heilgen Hallen unserer Republik, wo sich die Macht des Geldes und des Geistes so gern zu gemeinnützigen Symbiosen vereinen, hallen nun wider von häßlichen Worten: hier „vorsätzlicher Vertragsbruch!“, dort: „krasser Fall von Zensur!“ Und das alles nur, weil die Thyssen-Stiftung kraft einsamen Entschlusses ihres Kuratoriumsvorsitzenden Kurt Birrenbach einem erlesenen Publikum zwei originelle Beiträge zur preußischen Geschichte vorenthalten hat. (Der ebenfalls als Redner vorgesehene Professor Reinhard Koselleck aus Bielefeld hatte es aus Loyalität zu seinem Londoner Kollegen abgelehnt, allein aufzutreten.)

Dies der Ablauf: Am 20. März sollte eine Vorlesungsreihe über „Preußen – Seine Wirkung auf die deutsche Geschichte“ im Otto-Braun-Saal der Berliner Staatsbibliothek mit einer „Bilanz“ abgeschlossen werden. Nach elf Vorträgen erhoffte sich Birrenbach zweierlei: Anstöße für die Geschichtswissenschaft zu einer künftigen Entwicklung, „die sich auf längere Zeit als staatstragend erweisen könnten“, und Lehren aus der Geschichte Preußen-Deutschlands, „welche die Führung unseres Landes befähigen könnten, die Fehlentscheidungen und -entwicklungen zu vermeiden“, an denen Preußen und Reich zugrundegingen.

Birrenbach, ein Mann mit Meriten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, wollte eine richtig schöne Bilanz mit Gewinn- und Verlustzuweisung, mit Abschreibungen und Rücklagen. Die nicht in wirtschaftlichen Begriffen denkenden Professoren verstanden Bilanz als Synthese; sie wollten aber nicht einzelne Vorträge bewerten (was leicht als nachträgliches Zensieren mißdeutet werden konnte), sondern unter dem Oberbegriff „Bilanz“ eigenständige Ortsbestimmungen geben.

Seit ihrem ersten Gespräch hatte Birrenbach das ungute Gefühl, daß es schwer sein würde, Professor Mommsen auf die Vorgaben festzulegen. Er war wohl auch etwas echauffiert von der unbekümmerten, mit angelsächsischer Ironie gewürzten Art, mit der jener über Preußen sprach. Darum drängte er auf eine schriftliche Bestätigung der Thematik. Mommsen gab sie schließlich: Unter dem Obertitel „Bilanz“ kündigte er als Untertitel an: „Preußischer Staatsgedanke und deutsche Reichsidee 1862-1918“. Birrenbach bedankte sich „herzlich“ für diese „klare und befriedigende Antwort“. Eine Woche vor der Veranstaltung sandte ihm Mommsen, wie verlangt, das Manuskript.

Eigentlich hätte es Birrenbach gefallen müssen. Denn Preußen kam darin eher gut weg. Doch Birrenbach, Jahrgang 1907, ist noch in der Bewunderung Bismarcks großgeworden, so daß es ihn schmerzte, den Kanzler nur als „cäsaristischen“ Typ dargestellt zu sehen. Auch Mommsens Schluß kann ihm nicht gefallen haben, daß die politische Kultur der Bundesrepublik weder auf Preußen noch auf das Reich als Vorbilder angewiesen sei, sondern in den politischen Traditionen des Westens wurzele.

Aber gegen den Inhalt, so beteuert Birrenbach, habe er sich gar nicht gewandt. Anstößig fand er nur die Anfangssätze, worin Mommsen klarmachte, daß er eine Synthese der anderen Vorträge für vermessen hielte, zumal seine Redezeit begrenzt sei. Dies genügte Birrenbach, die Veranstaltung „aus technischen Gründen“ abzusagen. Der nichts ahnende Mommsen erhielt ein Telegramm: „Veranstaltung vom 20. 3. ’84 in Berlin mußte abgesagt werden. Brief folgt. Birrenbach.“ Der nachgesandte Grund: Mommsen habe „in klarer Form“ die Erfüllung seiner Aufgabe abgelehnt. Der sehr kühle Brief schloß geschäftsmäßig: man bat um Angabe der Kontonummer.