Die Absetzbewegung von Moskau wurde nicht mit Macht belohnt

Von Richard Löwenthal

Der plötzliche Tod Enrico Berlinguers, des Mannes, der die bei weitem stärkste kommunistische Partei im freien Teil Europas in den kühnen Versuch eines „historischen Kompromisses“ mit den regierenden Christdemokraten geführt hatte, gibt Anlaß, die Frage nach Triebkräften, Schicksal und Zukunftschancen des sogenannten Eurokommunismus neu zu stellen.

Der Eurokommunismus war das Produkt der immer deutlicher werdenden Unanwendbarkeit des sowjetischen Regierungssystems auf entwickelte Industrieländer mit demokratischer Tradition. Die italienischen Kommunisten waren die ersten, die dies erkannten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Palmiro Togliatti sich darüber schon klar war, bevor er in der Endphase des Zweiten Weltkrieges aus Moskau in seine italienische Heimat zurückkehrte und die einzige kommunistische Partei wieder aufbaute, die erfolgreich an der Schaffung einer demokratischen Verfassung mitgearbeitet hat. Das war in der kurzen Nachkriegsphase möglich, in der Stalin den westeuropäischen Parteien Spielraum für eine selbständige Politik ließ; doch konnte sie nicht fortgeführt werden, nachdem er die französischen und italienischen Kommunisten im Herbst 1947 dem neu geschaffenen „Kommunistischen Informationsbüro“ unterstellte. Togliatti fügte sich der damals befohlenen Politik gegen den Marshallplan, hütete sich aber, den ihm 1950/51 angebotenen Vorsitz des „Kominform“ anzunehmen.

Togliattis Memorandum

Der nächste Schritt kam drei Jahre nach Stalins Tod mit Chruschtschows Entstalinisierungs-Rede von 1956. Togliatti wagte in der ihr folgenden Diskussion, in einem über die Notwendigkeit eines „polyzentrischen“ Kommunismus mit strategischer Selbständigkeit für die Parteien der industriell entwickelten Demokratien zu sprechen; er wurde zwar zurückgepfiffen, doch seine Autorität in der eigenen Partei blieb unangetastet, während die der Sowjetunion durch Chruschtschows Enthüllungen erschüttert wurde. Das Memorandum, das Togliatti Anfang 1964, kurz vor seinem Tode, für die sowjetische Führung über die Notwendigkeit anderer Formen des Sozialismus in den Ländern mit freiheitlichen Traditionen schrieb, war sein politisches Vermächtnis: Es wirkte nicht auf Chruschtschows Nachfolger – aber seine Gedanken beeinflußten jene kritischen Kommunisten, die 1967/68 zu den Initiatoren des „Prager Frühlines“ wurden.

Im Prager Exil lebten damals auch die Vertreter der unterdrückten spanischen Kommunisten unter der Führung Santiago Carrillos. Wie die einstigen kommunistischen Kämpfer gegen Mussolini, erkannten auch die überlebenden kommunistischen Gegner Francos, daß sie im Fall der Rückkehr ihrem Volk nicht eine neue Form der Parteidiktatur anbieten konnten und begrüßten die kurzlebige tschechische Alternative. Auch die französischen Kommunisten wurden erst durch die Enthüllungen über Stalin, dann durch die brutale Niederschlagung der Prager Reformbewegung zum Nachdenken gebracht.