Die Opfer Unbeteiligter werden täglich größer. Den Tarifparteien tut dagegen der Streik noch nicht weh genug.

Die Bösen im Stück sind die Gewerkschaften. So jedenfalls wollte es bisher das Drehbuch über den Streit um die Wochenarbeitszeitverkürzung. Da kämpften Arbeitgeber, Bundesregierung und Wissenschaftler im Gewand verantwortungsbewußter, besonnener Helden gegen die sturen und uneinsichtigen Interessenvertreter von Metallarbeitern und Druckern.

Inzwischen freilich gerät das Bild der Charaktere ins Wanken. Die großzügigen Angebote der Arbeitgeber zeigten, daß es ihnen in Wahrheit gar nicht allein um die viel beklagten Kosten der Arbeitszeitverkürzung geht. Andererseits signalisierten die Gewerkschaften – das erkennen selbst konservative Zuschauer an – mit ihren Kompromißvorschlägen längst, daß sie so verbohrt doch gar nicht sind. Schon vor Wochen sprach Erwin Ferlemann, der Chef der IG Druck, davon, daß seine Organisation kostenneutrale Lösungen anstrebe. Und die Unterhändler der IG Metall in Baden-Württemberg haben mittlerweile so viele Positionen aufgegeben, daß ihnen dies im eigenen Lager Ärger bereiten könnte.

Die Gegenspieler aus dem Lager der Arbeitgeber tun indes mehr zur Verhärtung denn zur Aufweichung der Fronten. Der Verband der Druckindustrie sagte Ende vergangener Woche ein Vermittlungsgespräch unter der Führung des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf ab, um seinen Unmut über die Ausweitung der Streiks zu dokumentieren. Gewiß, die Taktik der IG Druck, die ohne Rücksicht auf die Verhandlungen zum unbefristeten Streik gegen einzelne Verlage ausholte, macht die Gespräche nicht einfacher. Es wäre wohl sinnvoller, mit Hilfe Biedenkopfs einen befristeten Waffenstillstand zu vereinbaren, statt durch erweiterte Streiks und einen Verhandlungsboykott das Klima noch weiter zu verschlechtern.

Die Metallindustriellen gaben sich nicht viel klüger. Auch sie verschärften die Situation, indem sie noch mehr Metaller aus den Betrieben aussperrten. Zwar boten die Arbeitgeber zugleich Schlichtungsgespräche an. Doch dieser Vorschlag hat Pferdefüße.

Zum einen verlangen die Unternehmer, anders als es ein erst seit vier Jahren geltendes Abkommen vorsieht, ein einstimmiges Votum des Schlichtungsgremiums, dem neben den Vorsitzenden je drei Unterhändler beider Parteien angehören. Eine Forderung, die von vornherein die Erfolgschancen drastisch reduziert. Warum unterschreiben die Arbeitgeber überhaupt ein Abkommen, wenn sie – sobald es angewendet wird – Änderungen wollen? Zum anderen schlugen die Arbeitgeber als ihren Schlichter einen Mann vor, der auf die Gewerkschaft wie ein rotes Tuch wirken muß: den Arbeitsrechtler Bernd Rüthers, der die Unternehmer bei ihrer Klage gegen die Mitbestimmung vor dem Bundesverfassungsgericht vertrat.

Die IG Metall hat dagegen mit dem früheren Chef der Bauarbeitergewerkschaft und späteren Minister der sozialliberalen Koalition einen konservativen Sozialdemokraten als Schlichter benannt, einen Mann, der in ihren eigenen Reihen nicht unumstritten ist, und keineswegs als eindeutig festgelegt gilt. Die Rolle des Verstockten, das zeigt diese Wahl, will die IG Metall nicht länger spielen.