ZEIT: Das Grundgesetz hat dem Bundespräsidenten nur wenig Amtsmacht verliehen. Er kann nicht auf eigene Faust Politik treiben, sondern muß im Grunde vollziehen, was die Regierung, gestützt auf ihre Parlamentsmehrheit, beschließt. Er wirkt vor allem durch seine persönliche Autorität. Halten Sie, Herr Bundespräsident, diese Verfassungskonstruktion nach Ihren Erfahrungen so für richtig?

Carstens: Ja. Ich hielt sie für richtig, schon lange, bevor ich Bundespräsident wurde. Aber auch nach den fünf Jahren Erfahrung im Amt halte ich die Konstruktion unseres Grundgesetzes, die dem Bundeskanzler die zentrale Rolle in der Politik zuweist, für richtig, denn er ist parlamentarisch verantwortlich.

Der Bundespräsident hat aber doch eine nicht unbeträchtliche Autorität. Soweit ich sehe, haben sich im Laufe der Jahre alle Bundespräsidenten diese Autorität erworben.

ZEIT: Sie würden nicht für eine Ausweitung der Amtskompetenzen plädieren?

Carstens: Nein, das würde ich keinesfalls tun. ZEIT: Was halten Sie von den Prüfungsrechten und Befugnissen des Bundespräsidenten, wenn er Entscheidungen der Regierung vollzieht, trägt oder ausfertigt?

Carstens: Insbesondere obliegt ihm die Prüfung, ob Gesetze, die ihm zur Unterschrift vorgelegt werden, mit der Verfassung übereinstimmen. Ich habe aber gerade diese Befugnisse – in Übereinstimmung mit meiner früheren Auffassung – noch restriktiver interpretiert als meine Vorgänger, indem ich gesagt habe: Wenn der Bundespräsident einem Gesetz die Unterschrift verweigert, weil er es für verfassungswidrig hält, entsteht ein unbefriedigender Schwebezustand, weil der Bundespräsident nicht die abschließende, entscheidende Stelle dafür ist. Dies ist vielmehr das Bundesverfassungsgericht.

Ich habe deshalb auch in zwei Fällen Gesetze unterschrieben, obwohl ich erhebliche Zweifel daran hatte, daß sie verfassungsgemäß waren. Es handelte sich um das Staatshaftungsgesetz und das Künstlersozialversicherungsgesetz. Beim Staatshaftungsgesetz habe ich jedoch an Bundestag, Bundesrat und Bundeskanzler einen Brief geschrieben, daß ich erhebliche Bedenken habe, aus den eben genannten Gründen aber dennoch unterschreibe. Das Bundesverfassungsgericht hat das Gesetz dann aufgehoben. Ich finde, das ist ein vernünftiger Weg, weil das klare Verhältnisse schafft.