Die olympischen Aussichten des Weltrekordlers Jürgen Hingsen

Von Christoph Zähringer

Die Deutschen sind unschlagbar, wenn sie nicht siegen müssen. Aus einem solchen Aphorismus ließe sich gewiß mehr machen. Einstweilen soll er nur dazu dienen, das Dilemma der Zehnkämpfer im Deutschen Leichtathletik-Verband zu veranschaulichen. Jahr für Jahr wird in Deutschland der Zehnkampf-Weltrekord verbessert. 1980 in Bernhausen geschah dies durch Guido Kratschmer. Aber wegen des Boykotts einiger westlicher Staaten konnte der Weltrekordler bei den Olympischen Spielen in Moskau nicht starten. Die Goldmedaille holte der Brite Daley Thompson. 1982 fuhr Jürgen Hingsen als Weltrekordler zu den Europameisterschaften nach Athen. Doch den ersten Platz im Zehnkampf belegte der Brite Daley Thompson. 1983 fuhr Hingsen mit einem nochmals verbesserten Weltrekord (in Bernhausen) zu den Weltmeisterschaften. nach Helsinki. Doch nicht er siegte, sondern der Brite Daley Thompson.

Jetzt, im Jahr der Olympischen Spiele von Los Angeles, hat Hingsen wieder seinen eigenen Weltrekord verbessert, auf 8798 Punkte. Aber vor einen Olympiasieg haben die Götter den Briten Daley Tnompson gesetzt. Der scheiterte zwar vor wenigen Wochen mit einem in aller Heimlichkeit ins Werk gesetzten Weltrekordversuch, aber der farbige Athlet aus Soho scheint unschlagbar, wenn die Deutschen siegen müssen.

Wurf aus dem Stand

Scheint das nur so, oder ist das die rauhe Wirklichkeit in der Atmosphäre eines großen internationalen Wettkampfs, bei dem die Deutschen wenige unter vielen sind, beinharten Abwicklungsmodalitäten unterworfen und fernab der liebevollen Fürsorge durch Trainer und Anhang? Sicherlich, die Bedingungen beim jüngsten Rekord im engen Stadion in Mannheim waren nicht dieselben wie zuvor mehrfach in Bernhausen. Schon das Wetter sorgte für eine Härte-Einlage: der Hochsprung, eine in diesem Punkt empfindliche Disziplin, verregnete, und auch der 400-Meter-Lauf fand unter Bedingungen statt, die nicht eben leistungsfördernd sind.

Der Mannheimer Weltrekord wurde tatsächlich erzielt, ohne daß man dazu gleichsam wie im Bernhausener Labor die Versuchsanordnung eigens arrangiert hätte. Schon vor dem Wettkampf wußte Hingsen, daß er auf Grund verletzungsbedingter Vorsicht im Speerwerfen nur behutsam an seine Möglichkeiten würde herangehen können. So warf er dann nahezu aus dem Stand, blieb unter sechzig Meter, wohl acht Meter weniger als üblich, und büßte ein unauffällig angesammeltes Punktekonto wieder ein, das ihn solide über seine alte Weltrekordmarke hätte tragen können. Im abschließenden 1500-Meter-Lauf spulte er sein emotionslos errechnetes Pensum ab und blieb um wenige Sekunden unter der Zeit, die für den neuen Weltrekord notwendig war. Wo andere nach der knappen Meile dramatische Zusammenbrüche erlebten, präsentierte Hingsen nicht ohne Stolz seine scheinbar kaum angegriffene Physis, freilich diesmal gelassener als in früheren Jahren.