Von Wolfgang Bergsdorf

Dieser Ton öffentlicher Regierungskritik war lange Zeit nicht mehr gehört worden:

„Die Regierung ist wohlunterrichtet über all das, was an Eigennutz, Charakterlosigkeit, Unwahrhaftigkeit, Unritterlichkeit und Anmaßung sich unter dem Deckmantel der deutschen Revolution ausbreiten möchte. Sie täuscht sich auch nicht darüber hinweg, daß der reiche Schatz an Vertrauen, den ihr das deutsche Volk schenkte, bedroht ist. Wenn man Volksnähe und Volksverbundenheit will, so darf man die Klugheit des Volkes nicht unterschätzen, muß sein Vertrauen erwidern und es nicht unausgesetzt bevormunden wollen. Das deutsche Volk weiß, daß seine Lage eine ernste ist, es spürt die Wirtschaftsnot, es erkennt genau die Mängel mancher aus der Not geborenen Gesetze, es hat ein feines Gefühl für Gewalt und Unrecht, es lächelt über plumpe Versuche, es durch eine falche Schönfärberei zu täuschen.

Keine Organisation und keine noch so laute Propaganda wird auf die Dauer allein imstande sein, das Vertrauen zu erhalten.“

Anderthalb Jahre nach der Machtübernahme Hitlers wurde diese unüberhörbare Kritik von Vizekanzler Franz von Papen in jene brodelnden, von gewalttätigen Übergriffen der „nationalen Revolution“ beherrschten Junitage des Jahres 1934 in öffentlicher und vom Frankfurter Sender Übertraggenen Rede heineirigesprochen. Hitler tobte. Was den wohl überraschten Zuhörern des Marburger Universitätsbundes vielleicht entging, blieb der stets gegenwärtigen Gestapo nicht verborgen: geistiger Vater dieser unzweideutigen, ja bewußt provozierenden Kritik an Hitlers. Regime kam nicht der stets um Anpassung bemühte von Papen selbst, sondern nur dessen intellektueller Mitarbeiter in Betracht.

Der Puplizist Edgar J. Jung, eben vierzigjährig, hatte sich erst nach der sogenannten Machtergreifung des Januar 1933 Franz von Papen zur Verfügung gestellt. Er hoffte, ihn als sein Sprachrohr benutzen zu können, um so der totalitären Gefahr der Hitler-Bewegung doch noch Einhalt zu gebieten. Er blieb untätig, als Himmler seinen Ghostwriter Jung durch die Gestapo ergreifen und ihn keine zwei Wochen danach, im Schatten der berüchtigten Gewaltaktionen am 30. Juni 1934 und den ersten Juli-Tagen, skrupellos ermorden ließ. Auch dies ließ von Papen geschehen ‚ ohne seine Stimme zu erheben.

In diesen Wochen jähren sich zum fünfzigsten Mal diese Ansätze des deutschen Konservativismus, Hitlers immer mehr sich offenbarendem Totalitätsanspruch entgegenzutreten. Durch die blutige, das In- und Ausland erregende Generalabrechnung Hitlers mit seinen Gegner innerhalb und außerhalb seiner „Bewegung“, durch Goebbels’ propagandistische Verdrehung dieser ungeheuerlichen Vorgänge, wie sie im irreführenden Sprachgebrauch vom „Röhm-Putsch“ noch bis in die Gegenwart nachwirkt, sind Haltung, Schicksal und politische Perspektive des Konservativismus unangemessen in den Hintergrund gedrängt worden.