Vernunft, Geschichte, Fortschritt werden verabschiedet: Mythos ist der neue Wert

Von Fritz J. Raddatz

Das Unbegreifbare feiert seine Wiederkehr. Die Welt nicht mehr als erklärbare, mach bare, gar veränderbare – die Welt vielmehr als ein in Urgründen verankertes Rätsel, verschlossen, magisch, unaufschließbar. Der Mensch als genetischer Code; ein System ohne Zukunft. Die Kunst als Ritual, realitätsfern, weitabgewandt, Zeichen werfend. Stehen wir bereits mitten in einer gigantischen Umwertung unserer Gefühls- und Denkwelt, in der die Begriffe abgelöst werden von Bildern? Ist die Ära von Descartes’ „Cogito – ergo sum“ abgelöst von einem neo-schopenhauerschen „nescio – ergo sum“? Wollen wir den totalen Krieg – gegen die Vernunft?

Mythos. Das ist das neue (alte) Zauberwort – oft ernst, gelegentlich kichernd wie ein Echo in jeder aktuellen Debatte. Was ist Mythos? Die gängige Antwort lautet etwa: Wer es definieren kann, versteht es nicht; nur wer im Mythos lebt, versteht es – und kann es deswegen nicht definieren: Das Wesen des Mythos eben sei es, nicht definierbar zu sein. Gleichwohl füllen die Definitionsversuche Bibliotheken. In einem – gewiß verkürzten – ersten Versuch wird man sagen können: Mythos ist das Statische; das mit ihm verbundene Geschichtsverständnis ist das der Katastrophe, des Unheils, des Unabwendbaren; ein undialektischer, passivistischer Begriff der Historie. Gar kein Begriff eben – im Sinne von Begreifen. Ein Verordnungsmodell. Innerhalb seiner Mechanik ist der Mensch verurteilt zur Inaktivität; sein Tun ist „eitel“ – im Doppelsinne des Wortes von vergebens und hochmütig. Statt Hochmut aber sei Demut die ihm gemäße Haltung; vor dem von ihm nicht bestimmbaren, beeinflußbaren Geschick. Ödipus ist schuldlos schuldig, er hatte keine Wahl. Das Heil-lose seines Schicksals entsprang diesem Wahl-losen; er wurde gelebt.

Auf der Basis dieses Entwurfs konnte Wilhelm Wundt sagen: „Mythos ist in Vorstellung und Handlung gewandelter Affekt.“ Das zitiert Hans Blumenberg in seinem Buch „Arbeit am Mythos“, das bezeichnenderweise beginnt mit einem Satz, der Paukenschlag ist für eine ganze Vergeblichkeits-Symphonie: „Den dieses Erfolgs Überdrüssigen mag Beherrschung der Wirklichkeit als ein ausgeträumter, des Träumens nie wert gewesener Traum erscheinen.“ Das ist der Rückzug aus der Wirklichkeit. Mircea Eliade, einer der prominentesten und umstrittensten Mythenforscher, deklariert offen „Geschichte als das Unwirkliche, Bedeutungslose und Sündige“, an anderer Stelle als das „Profane“; er verkündet „den Schrecken Geschichte“. Der Gegensatz zu profan ist „heilig“. In einem Essay über Eliades Lob des Primitiven – Verfluchung des Modernen hat der amerikanische Forscher Terry Alliband die Webster-Dictionary-Erklärungen für „heilig“ – verehrt, unversehrt, gegen Schmähungen geschützt – zitiert, um Eliades rigorosen Kult des Vergangenen, seine Verurteilung der Moderne zu klären; denn die Moderne – das ist das Zeitalter der Aufklärung, des Mutes, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Diese Moderne wird beklagt, von ihr wird zurückgeblickt.

„So bestechend Eliades Auffassung vom homo religiosus in ihrer Einfachheit und Unmittelbarkeit vielleicht ist“, sagt ein anderer Forscher, John A. Saliba, „so hat sie doch etwas Statisches an sich. Eliade zufolge existiert im Menschen ein fortwährendes Bedürfnis, zu einem ursprünglichen Zustand zurückzukehren, Bedingungen erneut zu schaffen, die uns – wenngleich vorübergehend und symbolisch – in die heilige Zeit und an den heiligen Ort der Anfänge zurückversetzen. Mythos und Riten sind die Mittel für diese Form einer ,Versetzung’. ‚Der Mythos‘, so heißt es bei ihm, ,erzählt eine heilige Geschichte, er berichtet von einem Ereignis, das in der Urzeit, der legendären Zeit allen Anfangs stattgehabt hat’ ... Überdies verläßt man im Ritus die chronologische Zeit und kehrt, wenn auch nur vorübergehend, zur heiligen Zeit und Stätte zurück, wo alles seinen Anfang nahm.“

Die Entwicklung des Menschen zum Vernunftwesen wird zurückgenommen. Vom homo sapiens zurück zum homo pictor – dem Höhlenwesen, das in Magie und Ritual, Ekstase und Kult eingefangen bleibt. Die Macht – ob sich stetig verwandelnde Götter oder die sich nie wandelnde, minenlegende CIA – bleibt das Unbegreifbare, Unantastbare, Unkontrollierbare. Des Menschen Selbstverantwortung ist verabschiedet.