Am 23. Juni wurde in Avignon zum letzten Male der 1974 von dem Verleger Hubert Burda gestiftete Petrarca-Preis verliehen.

Lieber würde ich die Maultrommel schlagen oder die Mundharmonika blasen, als über Literatur reden. Und lieber würde ich über Literatur reden, als über das gegenwärtige Geschäft, den gegenwärtigen Umgang, den gegenwärtigen Handel mit der Literatur. Aber gerade von dem Letzteren muß aus Anlaß der Verleihung des Petrarca-Preises 1984 an den österreichischen Dichter slowenischer Sprache, Gustav Januš, auch einmal die Rede sein. Ich schwinge mich also auf und beginne meine Ehrung des Poeten – denn diese soll bei allem doch die Hauptsache sein – mit einer kurzen Beschreibung meiner Sicht der gegenwärtigen deutschen Literaturszenerie.

Ich sehe dort, wo einmal vielleicht Leidenschaft, Liebe, Erschütterung, Ernst, Zorn und heiterer, genauer Streit spielten, ein finsteres, jämmerliches, schamloses, beschämendes Geschiebe, Gedränge und Gerempel von Machthaberei, Schlagworten in jedem Sinn, Begrifferücken, Spiegelfechterei, Spitzfindelei – mit einem Wort: den so totalen wie totalitären Vordergrund, welcher nicht einmal beklagenswert ist, bloß zu verachten. Die Verachtung freilich sträubt sich gegen den Ausdruck, drängt zum Verschweigen und will doch nicht tatenlos bleiben: das ist ihr und das ist mein Problem. So sind die nun folgenden Worte ein Tatversuch.

Ich habe gerade das Wort „totalitär“ gebraucht. Zuvor erschien einmal auch das Wort „spielen“: es hätten vielleicht einmal im Reden über Literatur Leidenschaft, Liebe undsoweiter gespielt. Eine der Gewohnheiten nun des heutigen Feuilletons ist es, die unterdrückten, verfolgten, zum Schweigen gezwungenen Künstler in den totalitären Staaten jenen in den sogenannten freien Ländern gegenüberzustellen. Um kein Spielen handelt es sich da, vielmehr um ein bloßes Ausspielen. In der sogenannt freien Welt geht es, jedenfalls was die Literatur betrifft, auch totalitär zu, wenngleich auf eine andere Weise als in der augenfälligen Kerkerwelt. Die Verfolgung, die Unterdrückung, die Korrumpierung, das Mundtotmachen, das Totmachen von Schriftstellern geschieht hier – ich kann nicht sagen: „bei uns“ – nur heuchlerischer, heimtückischer, gauklerischer und, wenn es das Wort steigern ließe: faustrechthafter. Fast tagtäglich nimmt es sich in der Zeitung, welche sich so viel darauf einbildet, der Literatur einen besonderen Raum zu geben, ein junger oder alter Wicht, der weder ein so schönes Wort wie „jung“ oder „alt“ je verdienen wird, heraus, mit ein paar vollkommen vordergründigen, Satz für Satz durchschau- und vorhersehbaren Standardkniffen ein Buch, wie es auch sei, in ein Nicht-Buch zu zerkrümeln, vergleichbar mit einem Kerl, der, ohne zu wissen, was er tut, ein Stück Brot zerkrümelt, bis es nicht dafür Brot ist, und dafür auch noch bezahlt und dafür vielleicht auch noch in seiner Abendkneipe belobigt wird: „Den hast du aber prachtvoll ferschen Dichter steht bei dem gewaltigen französischen Dichter René Char (den ich damit von Herzen und voll Zuneigung grüße). Hört auf, von der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zu reden – ihr tut das gleiche immer noch, auf eure Weise, unauffälliger, aber genauso sogenannte und kommt dazu Zeitung davon. Der sogenannte „Raum“, den jene Zeitung „für Deutschland“ angeblich den Büchern gibt, ist das Gegenteil von einem Raum: Er ist ein stickiges, luftloses Henker-Unholden und ihren ehrsüchtigen, selbstversessenen Mietlingen. Kritiker zu sein, könnte ein guter, lehrreicher, erzählende, bescherender Beruf sein; eine genaue, erzählende, enfschlüsselnde und wiederum verschlüsselnde Besprechung eines Buches, ob mit Liebe oder mit Zorn verfaßt, zu lesen, hat mir schon oft Freude gemacht, oft das Hirn zum Glühen gebracht, ja mich sogar gerührt und begeistert. Aber es gibt schon lange kaum Kritiker mehr – nur noch gutbezahlte Angestellte, die sich aufspielen, und immer für sich selber und immer gegen jemand andern; und die hellen Streitspiele sind zum bloßen Gegeneinander-Ausspielen verkümmert. Lest, Leute, daraufhin in dem besagten Machtblatt eine sogenannte Buchkritik: in fast jedem Fall wird da weder ein Buch sichtbar, noch wird eine Besprechung zur Lehre, sondern, Satz um Satz, das Ausspielen, dieses gegen jenen, jenes gegen diesen, zum Skandal: der totale, totalitäre Vordererund. Würde das Wünschen helfen, so wäre folgendes mein Wunsch: eine Wiederholung, eine Erneuerung, eine Wiederbelebung der Haltung Walter Benjamins.

Stattdessen wird, vorgeblich als ein Ereignis literarischer Rührigkeit, schon seit geraumer Zeit einmal im Jahr in einer südlichen Stadt meines Heimatlandes Österreich das minderwertigste, schändlichste, menschenunwürdigste Spektakel abgehalten, das es, im Namen der Kultur, seit je gegeben hat; im Namen und unter dem Zeichen der Kultur betreibt in Klagenfurt, jener Stadt, wo in allen Straßen, auf allen Plätzen, unter jedem Baum, immer noch und für immer die unschuldig-wissenden Augen der herrlichen Ingeborg Bachmann aufgeschlagen sind, alljährlich, eingeladen und bezahlt von jener Behörde, bei der einst meine Mutter sich Füße und Seele wundlaufen mußte, um sich von Amtszimmer zu Amtszimmer ein kleines Darlehen für den Bau der dringendst nötigen Wohnung zu erbetteln, ein Trupp gravitätischnichtsnutziger Barbaren, vor denen ein paar arme, eifrige, beflissene Talente erzittern wie damals die gesamte Kärntner Bevölkerung vor den schrecklichen Türken, statt der Kulturerneuerung, -wiederholung, -weiterführung vielmehr einen finsterlich-grausig-legalisierter Akt der Kultur-Abtreibung. Die so oft nostalgisch heraufbeschworene, selige Gruppe 47 schon war vielmehr ein unseliges Übel, in dem die Literatur beschnitten wurde zu einem Flachding aus Meinung, Trend, Jargon und Sprachpolizei; für immer wird unverzeihlich bleiben, daß der große deutsche Epiker Hermann Lenz – für mich der größte nach Thomas Mann – und der große deutsche Lyriker Ernst Meister – für mich ebenbürtig der Ingeborg Bachmann und dem Paul Celan – von den Ausschließungs- oder Einlaßverwehrungsriten jener sitzriesigen Kleinbürger, aus denen sich die Gruppe vor allem rekrutierte, um das Gelesenwerden, um jede Antwort, um ihr Recht betrogen worden sind. Und betrogen worden sind auch wir, die Leser. Dafür wird es nie eine Lossprechung geben.

Aber der Wettbewerb, der die Unstirn hat, sich mit dem Namen einer unvergeßbaren Frau zu schmücken, ist etwas noch unvergleichlich Frevlerisches. Ein Wettbewerb der Körper kann etwas sehr Schönes sein – ein Weitsprung, der dem nächsten folgt, wobei auch der Zuschauer in sich den Weitsprung erlebt. Ein Wettbewerb der Rede schon ist fragwürdiger, angewiesen auf Suggestion, immer behaftet mit dem Makel des Nachgeschmacks. Ein Wettbewerb des Geistes, der Poesie, der Form jedoch ist niedrig und erniedrigend, sofern er nicht, wie im antiken Griechenland, vom Volk selbst entschieden wird: da hätte auch ich Lust, teilzunehmen und mit der Sprache meinen Weitsprung zu zeigen, mich zu freuen am Sieg, und mich zufrieden geben damit, der Besiegte zu sein. Wo aber ist bei dem erwähnten Wettbewerb das Volk? Gibt es heutzutage ein für dergleichen Dinge waches, zuständiges Volk ? Der Trapp der aus ihren Kümmerlöchern herbeigereisten Feder- und Mikrophonfuchser jedenfalls, nach ihren Floskeln, Spruchtafeln und geheucheltem Ernst zu schließen, ist nur noch die Verhöhnung jener Volk-Idee: und ihre weinenden oder glückstrahlenden Opfer werden danach zwar immer weiterschreiben, aber alles, was sie schreiben werden, wird gezeichnet sein von dem unrechten, unzulässigen Wettbewerbsverhalten. Sie werden immer nur Talente bleiben. Ein Spruch, von einem der selbsternannten Kunstschöffen selber verbrochen, verdeutlicht vielleicht die ganze Szenerie: „Einmal im Jahr ist Klagenfurt die Hauptstadt der Literatur.“ Und das ist die Literatur heute?

Zum Bild – nicht zum Inbild, sondern zum Punkt- und Zerrbild – ist mir der Stand unserer westlichen Kultur„betrachtung“ einmal, vor Jahren, in New York geworden, als ich in einer Menschenschlange vor einem Kino wartete: Alle meine Vordermänner und -frauen hatten die gefaltete Zeitung mit dem Kinoteil unter dem Arm, und genau an den Falten waren untereinander die Sterne gereiht, mit denen die Kritiker die laufenden Filme von Manhattan bedacht hatten; der Film, auf den wir alle warteten, hatte dreieinhalb Sterne. Dazu passen die Annoncen wie: „Dieses Buch wurde von siebenunddreißig namhaften deutschen Kritikern auf die erste Stelle der Bestenliste des Südwest- oder Nordostfunks gesetzt“. Sogar mein lieber eigener Verlag ziert ein ausländisches Buch schon mit der Schleife: „Wurde von fünfzehn bedeutenden schwedischen Kritikern zum Buch des Jahres gewählt“. (Ich habe von diesem Buch nicht einmal die Plastikstrumpfhose, die jetzt alle Bücher verschweißt, entfernt.) Ebenso hörte ich in einem Gespräch mit einem eigentlich verständigen, offenen, lesenden Menschen eine seltsame Platzanweisung für die gegenwärtige Literatur der verschiedenen Erdländer: An erster Stelle stünde die südamerikanische Literatur, dann folge aber schon die deutsche; worauf ich fragte, welches Land nun an der dritten Stelle läge, worauf wir wenigsten lachten. Es gibt keine Weltliteratur mehr.