Bei seinem Besuch in Moskau scheute François Mitterrand vor Provokationen nicht zurück. Gleichwohl machten die Sowjets eine Geste: Mit keinem Wort erwähnten sie ihre alte Forderung, wonach die französischen Mittelstreckenraketen bei Abrüstungsgesprächen mitgezählt werden sollen.

Den Kreml-Herren ist Mitterrand kein angenehmer Gesprächspartner. Sie mochten ihn schon damals nicht, als er noch sozialistischer Parteichef war und erst nach demütigendem Hin und Her in Moskau empfangen wurde. Vorige Woche kam nun Mitterrand erstmals seit 1975 wieder in die sowjetische Hauptstadt: Durch seine direkte und gleichwohl differenzierte Sprache gebot er den Sowjets Respekt.

So erkühnte er sich in seiner Rede während des Banketts im Kreml, „auf Professor Sacharow und so manche Unbekannte in aller Welt, die sich auf die Verträge von Helsinki berufen können“ hinzuweisen. Zwar verzog Tschernjenko das Gesicht, doch Mitterrand war das seinen in Menschenrechtsfragen überaus sensiblen Landsleuten schuldig.

Denn viele Franzosen verstanden nicht so recht, warum es sich ihr Präsident in den Kopf gesetzt hatte, allen früheren Beteuerungen zum Trotz nach Moskau zu fahren. Wegen Afghanistan und Polen hatte er die traditionell guten Beziehungen zur Sowjetunion abkühlen lassen. Doch dann überwogen plötzlich drei Argumente für ein Spitzengespräch:

  • Erst nach Aufstellung der Pershing (die Mitterrand im Kreml erneut rechtfertigte) fühlte er sich in einer Position, die stark genug war, um den Dialog aufzunehmen.
  • Mitterrand war es leid, daß der Ost-West-Dialog an ihm und an Frankreich vorbei ging.
  • Schließlich belasten drängende Wirtschaftsfragen das bilaterale Verhältnis. Die Franzosen haben gemerkt, daß sie mit ihrem Gas-Abkommen ein schlechtes Geschäft gemacht haben. Sie werden zu große Mengen zu überteuerten Preisen aus der UdSSR beziehen müssen. Überdies haben die Sowjets Mitterrand für seinen harten Kurs „bestraft“ und die Bestellungen in Frankreich radikal gekürzt – „zugunsten der deutschen Industrie“, heißt es in Paris.

Mit harter Rhetorik, welche die Prawda nicht wiedergab, und mit konzilianten Gesten wie dem Besuch in Stalingrad (heute Wolgograd) schaffte Mitterrand das Kunststück, die Wende in seiner Ostpolitik zu vollziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Gleichwohl mochte er auf den sowjetischen Vorschlag zur Wiederaufnahme von regelmäßigen Konsultationen nicht eingehen. Immerhin lud er Tscnernjenko nach Paris ein.

In einem Punkt stimmen die Interessen beider überein: Auch Frankreich ist gegen die Star-War-Pläne Reagans, weil es da nicht mithalten könnte. So möchten die Sowjets auf diesem Gebiet eine gemeinsame Front bilden.

Roger de Weck