Von Peter Christ

Bis Ende vergangener Woche hat die IG Metall 400 Millionen Mark an Streikende und Ausgesperrte gezahlt. Jede weitere Woche des Arbeitskampfes kostet die Metaller rund 110 Millionen Mark. Die IG Druck greift seit fast zwölf Wochen in ihre Streikkasse. Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen steckt mitten im Tarifstreit. Und die ÖTV steuert auf einen heißen, vermutlich teuren Herbst zu.

Die Gewerkschaften brauchen also jede Mark. Nichts liegt ihnen deshalb ferner, als ihren siechen Baukonzern Neue Heimat mit weiteren Millionen das Leben zu erleichtern. Die Neue Heimat muß sich selbst helfen; wie, das haben zehn Experten im Strukturkonzept II festgelegt, das am vergangenen Dienstag im Präsidium des Aufsichtsrats der Neuen Heimat Städtebau (NHS) diskutiert worden ist. Mitte Juli soll der gesamte Aufsichtsrat über das Strukturkonzept II debattieren – eine Debatte mit Zündstoff. Denn die zehn Manager, die meisten von ihnen im Dienst der Neuen Heimat, schlagen de facto nichts anderes vor als die Liquidation der NHS.

Die Neue Heimat International (NHI), größter Verlustbringer im ganzen NHS-Konzern, soll sich von sämtlichen Immobilien trennen. Ein überaus schwieriges und wohl auch verlustreiches Unterfangen. Die NHS-Tochter leidet vor allem unter der Bürde nahezu unverkäuflicher Grundstücke, die der fristlos entlassene ehemalige NH-Chef Albert Vietor in den siebziger Jahren zusammengerafft hat. 1,7 Milliarden Mark hat die NHI damals für Ländereien in Mexiko, Venezuela und Brasilien gezahlt und die Geschäfte zu allem Unglück auch noch mit Dollarkrediten finanziert; beim derzeitigen Kurs und den horrenden Zinser. in den Vereinigten Staaten eine teure Erblast. Finster sieht es auch in Frankreich aus, wo die NHS allein 1982 rund 114 Millionen Mark Verlust machte.

Bis Ende 1984 sollen alle NHS-Immobilien in der Bundesrepublik versilbert werden. Der Ausverkauf hat schön erste Resultate gebracht: Der Fernsehturm in Mannheim fand ebenso einen Käufer wie der fünfzig-Prozent-Anteil der NHS am Hamburger Plaza-Hotel. Kaum war die Verwaltungsspitze der Gewerkschaften in das neue Verwaltungsgebäude in Hamburgs Innenstadt eingezogen, zwang die leere Kasse schon wieder zum Umzug. Die Neue Heimat wohnt jetzt zur Miete beim umstrittenen Baulöwen und Immobilienspekulanten Ali Selmi in Hamburg-Altona. Das in besseren Zeiten noch von Vietor geplante Verwaltungsgebäude ging für rund 150 Millionen Mark und damit unter Neupreis an die Deutsche Genossenschafts-Hypothekenbank.

Ist der gesamte NHS-Immobilienbesitz, der intern auf einen Wert von zwei Milliarden Mark geschätzt wird, verkauft, dann bleibt nur noch die Abteilung „Bauwirtschaftliche Dienstleistungen“ übrig. Das Strukturkonzept II sieht vor, diese Abteilung in eine neue Gesellschaft einzubringen, die mit 25 Millionen Mark Grundkapital ausgestattet wird und der auch die Krankenhausplanungsgesellschaft Mediplan zugeschlagen werden soll.

Diether Hoffmann, seit Februar 1982 Chef der NH-Gruppe, bestätigt, daß der Aufsichtsrat über das Strukturkonzept II berät. Doch aus eigener Kraft kann die Neue Städtebau die Sanierung durch Ausverkauf kaum bewältigen. Seit 1982 haben die Gewerkschaften und ihre gemeinwirtschaftlichen Unternehmen die NHS mit 1,3 Milliarden Mark vor dem Exitus bewahrt. (Siehe ZEIT Nr. 25/1984.) Jetzt soll der gemeinnützige Schwesternkonzern NHG helfen. Doch der größte Wohnungsbaukonzern Europas, der 310 000 Wohnungen besitzt und mehr als 500 000 Wohnungen verwaltet, kränkelt selbst. Im vergangenen Jahr verkaufte die NHG 12 500 Wohnungen, erzielte dabei 375 Millionen Mark außerordentliche Erträge und konnte nur so den Verlust auf 150 Millionen Mark drücken. Wie andere Vermieter leidet auch die NHG unter sinkenden Mieteinnahmen. Instandhaltung und Modernisierung kosten jährlich 400 Millionen Mark. 5000 Mietwohnungen stehen leer und 2000 Eigentumswohnungen türmen sich zu einer unverkäuflichen Halde.