Martin Bangemann: Diese Woche noch Wirtschaftsminister, nächstes Jahr FDP-Vorsitzender?

Von Rolf Zundel

Stuttgart, im Juni

Nein, überrascht war Martin Bangemann nicht, als Hans-Dietrich Genscher letzte Woche vor den FDP-Landesvorsitzenden ankündigte, er werde "spätestens im Februar 1985" die Parteiführung abgeben. Und erstaunt war er auch nicht darüber, daß ihm, und das als, einzigem, von Genscher bescheinigt wurde, er gehöre "ganz sicher zu denen, die in Zukunft größere Verantwortung zu übernehmen haben". Daß er als künftiger Bonner Minister und designierter Parteiführer so ins Rampenlicht geschoben wurde, ist für ihn weder Anlaß zu fiebriger Erregung noch zu grüblerischem Selbstzweifel: "Ich nehme das alles mit Ruhe."

Natürlich weiß Bangemann, daß mit der Bemerkung Genschers noch nichts endgültig entschieden ist, nicht bei dieser FDP, die ihn an "die Bevölkerung Jerusalems erinnert, bei der ja ’Hosianna’ und ’kreuzigt ihn’ ziemlich nahe beieinander waren". Aber auch ohne daß er es ausdrücklich sagt, erscheint ihm die Entwicklung, die Genscher skizziert hat, eigentlich konsequent und richtig. Im Grunde war er es ja, der am frühesten und eindeutigsten für die Koalition mit der Union gekämpft hat. Dafür mußte er manche Prügel einstecken und sich deshalb in Europa – halb zog es ihn, halb sank er hin – eine neue Aufgabe suchen. Dort war er, so weit es die Umstände im Straßburger Parlament zuließen, auch ziemlich erfolgreich. Jetzt kehrt er, gescheitert als Spitzenkandidat an der Misere der Liberalen in Bonn, für die FDP in die Innenpolitik zurück.

Nicht allen zu ungetrübter Freude. Einhellig war die Begeisterung unter den Landesvorsitzenden wohl nicht, wenn man den Erzählungen Glauben schenken darf. Manche seiner Parteifreunde, die in Baden-Württemberg zumal, erinnern sich noch mit einigem Schauder, wie Bangemann Ende der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre den Landesverband durcheinandergeschüttelt hat – ein genialischer Unruhestifter. Und auch die Erinnerung daran ist noch wach, wie er als Generalsekretär der FDP 1975 seine Amtszeit vorzeitig abbrechen mußte: gescheitert, weil er mit seinen Ansichten in Präsidium und Vorstand der Partei völlig isoliert war – ein General ohne Truppen für seine Strategie der Koalitionsöffnung.