Von Michael Jungblut

Wer Einkommen gegen Freizeit tauschen will, muß dies in einer aufgeklärten Demokratie tun dürfen.“ Davon ist Dieter H. Vogel, Vorstandsvorsitzender der Pegulan-Werke AG ebenso überzeugt, wie davon, daß sich „auch die organisatorischen Probleme, die mit einer flexiblen Arbeitszeit verbunden sind, mit den heutigen Mitteln bei gutem Willen lösen lassen.“

Der jugendlich wirkende Chef des Pegulan-Konzerns, der das Unternehmen in den vergangenen Jahren erfolgreich aus einer existenzbedrohenden Krise herausgeführt hat, sieht seine Aufgabe nicht nur in einer ständigen Modernisierung der Produktionsanlagen, der Verbesserung alter und der Einführung neuer Produkte und Verfahren. Auch die soziale Innovation ist für Vogel heute eine gleichrangige Aufgabe des Managements.

Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Vorstands handelt er deshalb nach der Devise, daß zu einer verantwortungsbewußten, zeitgemäßen Unternehmensführung „auch eine betriebsorientierte, fortschrittliche Gesellschaftspolitik“ gehört. Konkret bedeutet dies in der augenblicklichen Lage nach Vogels Meinung vor allem, daß neben dem Gesetzgeber und den Tarifvertragsparteien auch die Verantwortlichen in den Unternehmen sich des Themas Arbeitszeit annehmen müssen. Sie sollten Ideen aufgreifen oder selbst entwickeln und in die betriebliche Praxis umsetzen.

Das Motiv bei Vogel und seinen Vorstandskollegen ist allerdings weder allein gesellschaftspolitischer Idealismus noch unternehmerischer Egoismus. Der Pegulan-Chef ist nämlich davon überzeugt, daß die Vorteile flexibler Lösungen bei der Arbeitszeitgestaltung keineswegs einseitig verteilt sind. Aus der Sicht der Mitarbeiter sind sie vor allem in der besseren Abstimmung der Arbeitszeiten mit den persönlichen Bedürfnissen zu sehen. Das Unternehmen profitiert davon, daß Regelungen, die darauf Rücksicht nehmen, „erfahrungsgemäß zu geringeren Fehlzeiten und einer höheren Produktivität führen.“ Für die Gesamtwirtschaft und vor allem den Arbeitsmarkt schließlich liegt der Vorteil darin, daß mehr Menschen beschäftigt werden können und der Staat für weniger Arbeitslose sorgen muß und gleichzeitig mehr Steuern und Sozialabgaben kassieren kann.

Und „weil dies so ist, gibt der Vorstand hier und heute die Grundsatzerklärung ab, daß dieses Unternehmen jeglichen Aktivitäten auf dem Gebiet der Flexibilisierung der Arbeitszeit offen gegenübersteht und alle verantwortlichen Führungskräfte. in Verbindung mit der Personalleitung und dem jeweils zuständigen Betriebsrat auffordert, individuellere Lösungen für die Beschäftigung von Mitarbeitern zu suchen.“

Dies erklärte Vogel, am 27, Januar dieses Jahres bei einer gemeinsamen Sitzung des Konzernleitungskreises und Mitgliedern des Betriebsrates. Vier Monate später setzte er dann zusammen mit dem Vertreter der Arbeitnehmer seine Unterschrift unter eine Betriebsvereinbarung, die vom 1. Juli an den Rahmen für eine möglichst weit reichende Individualisierung der Arbeitszeit bildet. Das Ziel dieses auch von den zuständigen Gewerkschaften der Chemie- und Textilindustrie gebilligten Abkommens ist es vor allem, im Rahmen der gesetzlichen und tariflichen Grenzen „Arbeitszeitregelungen zu finden, die – neben dem Gesichtspunkt der Humanisierung der Arbeit – verstärkt der Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze dienen.“ Erreicht werden soll dies auf drei Wegen: