Nach viel Tut-Ench-Amun und Nofretete, dem Gold der Thraker und der Mexikaner, setzt das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg dieses Jahr einen neuen Akzent im kulturhistorischen Ausstellungsgeschäft. Kamm-Muster-Töpfereien aus dem 3. Jahrtausend vor Christi, Goldkronen aus Silla, Punchong-Keramik aus dem 15./16. Jahrhundert und Landschaftsmalerei aus dem 19. Jahrhundert gehören zu den koreanischen Kunstschätzen aus fünf Jahrtausenden, die zum erstenmal in einer derart umfassenden Übersicht in Europa gezeigt werden.

Noch fremder, noch verschlossener als die Kunst anderer außereuropäischer Hochkulturen erscheint die Kunst dieses Landes, das, zwischen Japan und China liegend, heute ähnlich wie Deutschland in Ost und West geteilt ist. Ägypten, Peru, Japan: sie scheinen bekannt zu sein im Vergleich zu diesem kleinen südost-asiatischen Land, das für manchen erst durch den schrecklichen Korea-Krieg ins Blickfeld rückte. Das verwundert allerdings nicht, wenn man sich klar macht, daß Ägypten mindestens seit der Renaissance eine wichtige Rolle in der Entwicklung europäischer Naturwissenschaften spielte, daß Napoleon seine Beutezüge bis zu den Pyramiden ausdehnte und daß die abenteuerliche Entdeckungsgeschichte des Grabes von Tut-Ench-Amun durch den Engländer Howard Carter allseits gut bekannt ist. Da ist Asien schon viel ferner und fremder. Aber während Chinoiserien, chinesisches Porzellan und chinesische Fächermalereien seit dem Rokoko Dekor in schöngeistig geführten Salons waren, japanische Farbholzschnitte durch Impressionismus und Jugendstil berühmt wurden, blieb koreanische Kunst den europäischen Augen verborgen, haben nur wenige Europäer die bedeutende Mittlerrolle zur Kenntnis genommen, die Korea zwischen China und Japan spielte, um dann seinerseits jahrhundertelang Schlachtfeld zu sein für die Hegemonialansprüche dieser Länder.

Die Hochkultur Koreas beginnt (um Christi Geburt) mit der Gründung der drei koreanischen Altstaaten: Koguryo im Norden, Paekche im Südwesten und Silla im Südosten. Besonders in Silla läßt sich eine alte, weder chinesisch noch buddhistisch bestimmte Kultur nachweisen. Herausragendes Zeugnis dieser alten Silla-Kultur ist der in Hügelgräbern gefundene reiche Goldschmuck. Er ist bescheiden im Vergleich zu den gewaltigen Goldschätzen, die in ägyptischen Pharaonengräbern entdeckt wurden, für Südost-Asien aber ist er einzigartig. Anders als die massiven ägyptischen Goldreifen und Ringe besteht dieser Schmuck aus feingliedrigen Teilen, die aus dünngewalztem Goldblech und Golddraht hergestellt bei der leichtesten Bewegung zu flirren und klingen beginnen. Auf die Ausstellungsreise wurde eine von fünf bisher geborgenen Königskronen geschickt, die mit sechs Gehängen verziert ist und auf dem Reifen Schmuckformen zeigt, die an Bäume und Hirschgeweihe erinnern.

Entscheidend für die Entwicklung koreanischer Kunst wurde der Buddhismus, der von China kommend schon im 4. Jahrhundert langsam Einfluß gewann und schließlich in dem 668 gegründeten Reich Groß-Silla zur Staatsreligion erhoben wurde. Der früheste erhaltene Buddha Koreas wurde 539 von Chr. geschaffen und stammt aus Paekche. Es ist ein kleiner, aus vergoldeter Bronze gearbeiteter Heiliger, der auf einer umgekehrten Lotosblüte steht. Die rechte Hand zur Geste der Furchtlosigkeit, die linke zur Segensgewährung vorgestreckt, scheint der Rest seiner Gestalt in einer flammend reliefierten Mandorla aufzugehen.

Eine Besonderheit der buddhistischen Religion im 6./7. Jahrhundert war die Verehrung des vielleicht entfernt Christus ähnlichen Bodhisattva: eine frühere Daseinsform des Buddha, strebte er Erleuchtung an, indem er anderen Menschen half, Erleuchtung zu finden. Das süße, hoffende Nachsinnen darüber, wie der vergängliche Mensch aus der Welt des Leidens gerettet werden könne, ist in anmutiger Weise in der Skulptur eines vermutlich aus Andong stammenden Maitreya-Bodhisattva verkörpert. Dieser fast lebensgroße Maitreya – Buddha der Zukunft – gehört sichtbar zu den Meisterwerken der koreanischen Kunst. Noch trägt er Schmuck, die Dreibergspitzen-Krone, Arm- und Halsbänder. Als späterer Buddha wird er all diesen weltlichen Tand ablegen.

Die buddhistische Kunst verlor viel von ihrer ursprünglichen Aussagekraft, als im Jahr 918 das Reich Groß-Silla aufgelöst und in einen Beamtenstaat nach chinesischem Vorbild verwandelt wurde. Ausdruck einer verfeinerten aristokratischen Lebensweise in dieser Zeit der Koryo-Dynastie war die zarte nach ihrer eisvogelfarbenen, graublauen oder jadegrünen Glasur benannte Seladon-Keramik. Seit dem 9./10. Jahrhundert aus chinesischen Herstellungstechniken entwickelt, entstanden die unbestritten schönsten Seladon-Keramiken in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Schalen und Weinbecher in Blüten-, Weinkannen in Kalebassen und Melonenform, Räuchergefäße in Tiergestalt – immer griffen die Künstler auf natürliche Formen zurück.

Zu Ende des 16. Jahrhunderts finden zwei grausame japanische Überfälle auf Korea statt. Die Japaner raubten, was sie an beweglicher Kunst nur davontragen konnten. Auch koreanische Keramiker wurden nach Japan verschleppt, wo sie eine blühende keramische Industrie begründeten – die heute so weltweit bekannte typisch japanische Teekeramik. Verantwortlich für die japanische Besetzung machte man in Korea den buddhistischen Klerus, der in der Folge total entmachtet wurde. Der Konfuzianismus, auf dem schon seit Jahrhunderten das koreanische Schulwesen beruht, wurde zur Staatsräson und wirkte auch nachhaltig auf die koreanische Malerei ein.