Der Bergarbeiter-Führer Arthur Scargill will die Revolution in England

Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juni

Wenn Frau Thatcher mich sprechen möchte, soll sie herkommen. So reden in Großbritannien nicht mehr viele. Eigentlich sind es nur zwei Personen, die sich das erlauben könnten. Eine davon – Königin Elisabeth – würde so etwas niemals sagen und braucht es auch nicht, denn zu ihr kommt die Premierministerin sowieso. Der andere ist Arthur Scargill, „King Arthur“, Bergarbeiter-Boß und Grundsatz-Opponent der Regierungschefin. Seine Hofrunde tagt nicht in London, wo die meisten Gewerkschaften ihre Zentale unterhalten, sondern 200 Kilometer weit weg im Norden, in Sheffield. Dort ist Kohle, dort ist er zu Haus. Vielleicht fürchtet er auch, vom Hauptstadt-Klüngel des Establishments angesteckt und vom rechten, also linken Wege des Sozialismus abgelenkt zu werden. Viermal schon hat die Labour Party ihm ein Parlaments-Mandat angeboten, denn ein Mundwerk wie seins, das kann eine Fraktion gebrauchen: Viermal hat er das ausgeschlagen. Inzwischen kommt keiner mehr und fragt. Arthur Scargill ist längst eine Belastung für die Rechten unter den Linken geworden.

Jeder Streik ist eine Schlacht gegen die kapitalistische Regierung

Aber das ficht den Gewerkschafter nicht an. Jeder Streik ist für ihn eine potentielle Entscheidungs-Schlacht gegen die kapitalistische Regierung Thatcher – in solchen Worten pflegt er das auch zu sagen. Die Fernseh-Leute wissen: Wo Scargill hingeht, ist viel los zu geringen, Kosten. Siebentausend Streikposten gegen viertausend Polizisten wie Mitte des Monats in Yorkshire – das sind ja auch Dimensionen, um die selbst ein teurer Regisseur seinen Produzenten lange bitten muß. Vor der Kokerei in Orgreave führte „König Arthur“ die Seinen wie üblich selbst an und wurde, wie gewünscht, blessiert aus der Bataille getragen. „Verwundet“ wäre ein übertriebener Ausdruck, und ob er stürzte oder ob ein Polizisten-Schutzschild nachhalf, das blieb umstritten. Aber schon am Abend sprach er, in adrettem Schlafanzug auf die Kissen gebettet, zur Nation kernige Sätze aus dem Krankenhaus.

Was ist das für ein Mann, der im Augenblick, nach rund 110 Tagen Bergbaustreik, die Regierung und große Teile der öffentlichen Meinung sozusagen auf eigene Faust in die Schranken fordert? Der Streik, der die Schließung von 20 Zechen verhindern und 20 000 Arbeitsplätze erhalten soll, wäre ohne diesen Generalissimo nicht nur längst zu Ende, er hätte vielleicht gar nicht begonnen. In der Rezession erweisen sich Ausstände auch in England als stumpfe Waffe für die englischen Gewerkschaften. Scargill spürt es am lauen Beistand aus den Reihen der Stahl- und Bahnarbeiter. Wenn sie nicht mitziehen, kann „König Arthurs“ Flüstertüte noch so beschwörend vor den Gruben-Toren erschallen, dann bröckelt die Entschlossenheit in dem Maße ab, in dem die hohe Kante leer wird, Sparkasse und Eckladen nichts mehr von Pump hören wollen, und die Rundbriefe des Gegenkönigs Gehör finden, des Chefs der Kohle-Behörde, Ian MacGregor. Er und Scargill geben einander nichts nach. Die Wand, durch die die beiden nicht glauben zu kommen, die gibt es nicht.