Von Jes Rau

Amerika, Du hast es besser – zumindest was die Arbeitsplätze anbelangt. Fünf Millionen neue Stellen hat die amerikanische Wirtschaft innerhalb der vergangenen zwei Jahre geschaffen. Dadurch ist die Arbeitslosigkeit, die im Dezember 1981 fast elf Prozent erreicht hatte, auf 7,4 Prozent zurückgegangen. Da der Arbeitsmarkt den Ansturm der Baby-Boom-Generation und der ins Berufsleben drängenden Frauen weitgehend absorbiert hat, ist ein weiteres Sinken der statistischen Arbeitslosigkeit zu erwarten – selbst wenn sich das stürmische Wirtschaftswachstum der letzten Monate abschwächen sollte.

Entgegen den Befürchtungen vieler Beobachter hat die immer schneller rotierende Wirtschaftsmaschinerie bislang die Inflation nicht wieder in Gang gesetzt. Das bedeutet: Der Aufschwung geht weiter, mindestens zwei bis drei Jahre. Es ist deshalb nur noch eine Frage der Zeit, wann in den USA wieder Vollbeschäftigung erreicht sein wird, die bereits bei einer statistischen Arbeitslosenquote zwischen sechs und vier Prozent beginnt. Nicht die fehlenden Jobs, sondern die Knappheit insbesondere von qualifizierten Arbeitern wird deshalb in den letzten Jahren dieser Dekade zum Problem der amerikanischen Wirtschaft werden.

Natürlich ist das alles das Verdienst von Präsident Ronald Reagan – sagt Reagan. Tatsächlich aber zeugt es mehr von der Vitalität des amerikanischen Kapitalismus als von der Weisheit der Reaganschen Wirtschaftspolitik, daß heute mehr Amerikaner denn je einen Arbeitsplatz haben. Denn auch unter den Präsidenten Nixon und Carter, die man im Lager Reagans als wirtschaftspolitische Versager einschätzt, produzierte die US-Wirtschaft Jobs wie vom Fließband. Knapp 107 Millionen Menschen haben heute in den USA bezahlte Arbeit – 25 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.

Das ist vor allem deshalb so beeindruckend, weil in dieser Zeit zahlreiche Jobs in den als Schlüsselindustrien angesehenen Branchen wie der Stahlerzeugung, dem Bergbau und der Autoproduktion verloren gingen. Dagegen verblassen selbst die Erfolge Japans, wo die Zahl der Arbeitsplätze im selben Zeitraum um zehn Prozent anstieg. Noch krasser ist der Unterschied zu der Situation in Westeuropa. Die europäische Wirtschaft war nicht einmal in der Lage, die Verluste von Jobs in kriselnden oder von starker Rationalisierung betroffenen Branchen durch neue Stellen in Wachstumsbranchen auszugleichen. Vielmehr gingen in den letzten zehn Jahren netto drei Millionen Arbeitsplätze verloren.

Die europäische Malaise scheint die Theorie des russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff zu bestätigen, derzufolge entwickelte Volkswirtschaften ungefähr alle fünfzig Jahre eine Phase der Stagnation erreichen, die in einem Crash endet. Kondratieff hielt diese Entwicklung für unausweichlich, weil die ehemaligen Wachstumsindustrien dann mit zunehmender Marktsättigung konfrontiert seien. In den letzten zwanzig Jahren vor dem Zusammenbruch würden diese Unternehmen durchaus noch einen gesunden Eindruck machen. Ihre stattlichen Dividenden und großzügigen Löhne seien aber nichts anderes als eine Form schleichender Selbstliquidierung.

Offenbar werde das aber erst, wenn der Punkt erreicht sei, an dem wegen zurückbleibender Nachfrage eine kostendeckende Produktion nicht mehr möglich sei. Eine Welle von Bankrotten führe dann zum Kollaps der gesamten Wirtschaft und damit zur Massenarbeitslosigkeit. Neue Technologien, die das Entstehen neuer Märkte versprächen, seien zwar schon vorhanden. Doch seien die damit befaßten Unternehmen noch zu klein, um genügend Kapital für die Expansion und damit für neue Arbeitsplätze zu beschaffen.