Von Peter Bender

Was lange vorauszusehen war, geschieht nun: Polen, innerlich schwach, von seinen Verbündeten isoliert und mißtrauisch observiert, vom Westen fallen gelassen, gerät immer tiefer in sowjetische Abhängigkeit, Während alle Alliierten Moskaus außer dem stockkonservativen Prag sich fast verzweifelt bemühen, den Großmächtekonflikt von Europa fernzuhalten und von der Entspannung zu retten, was irgend geht, ist von Polen nichts zu hören und zu sehen. Warschau bleibt passiv auf dem Feld, das seit Adam Rapacki über ein Vierteljahrhundert das klassische Feld polnischer Außenpolitik war.

Aber nicht nur das. Polen wurde innerhalb seines Bündnisses ausgerechnet von dem Staat verdrängt, der früher der polnischen Europapolitik den stärksten Widerstand entgegensetzte. Die DDR, Polens Rivale beim Ringen um den ersten Platz nach der Sowjetunion, hat nun auch außenpolitisch gewonnen. Ostberlin übernimmt zwar nicht, wie manchmal behauptet wird, Warschaus Rolle in der Westpolitik des Ostens, dazu fehlen ihm wesentliche Voraussetzungen: die katholische Kirche, das Auslandspolentum rund um den Globus und diplomatische Traditionen, die man nicht von heute auf morgen erwirbt. Aber Honecker hat es geschafft, sich als Anwalt von Vernunft, Maß und Ausgleich nicht allein in der Bundesrepublik Respekt zu verschaffen. So wird den Polen derzeit die DDR als Vorbild vorgehalten – und wenn das noch mit der T-34-Sensibilität geschieht, mit der sich der Unions-Gesandte Volker Rühe kürzlich durch Warschau bewegte, vollendet sich die Kränkung des polnischen Selbstgefühls.

Über zwei Jahrzehnte haben die Polen darauf gewartet, daß die DDR sich zur Entspannungspolitik bekehrt – aber nun, da es endlich gesehenen ist, finden selbst vorsichtige Hinweise auf den Nutzen dieses Wandels kaum ein Echo in Warschau. Das Gefühl, verdrängt zu sein, überwiegt alles andere. Hinzu kommen die alten Sorgen, weil nun Deutsche mit Deutschen die Köpfe zusammenstecken; in Polen ist das Mißtrauen fast noch größer als in Frankreich. Es nährt sich auch von der Vermutung, daß Moskau gute Beziehungen Ostberlins zur Bundesrepublik für nützlich erachte, um Bonns Interesse an Ostpolitik wachzuhalten. Aber daß Polen sein altes Verhältnis zum westlichen Deutschland wiedergewinnt – daran könne dem Kreml nicht liegen, meinen Fachleute in Warschau, eher schon am Gegenteil. Wenn die sowjetische Führung jetzt ihr Bündnis zu straffen beginnt, ist Polen mehr betroffen als die DDR – früher war es umgekehrt.

Doch Polens außenpolitische Misere wird erst ganz begreiflich, wenn man sich der Isolierung im eigenen "Lager" erinnert. Sie dauert seit dem Frühjahr 1981, der Blütezeit von "Solidarność", und erlaubt außer Dienstreisen kaum oder keinen Reiseverkehr von und nach Polen: "Man kommt leichter in die Bundesrepublik als in die DDR". Und während der Westen Jaruzelski mangelnde Liberalität vorwirft, erkennen die Regierungen des Ostens noch viel zu viel davon. Eine Wand von Mißtrauen umgibt das Land: "Außer Kadar unterstützt niemand unsere Reformabsichten", heißt es; aber auch im befreundeten Ungarn spüren polnische Besucher Distanz und Vorsicht. Manches, was Polen derzeit von seinen "Bruderländern" zu ertragen hat, grenzt an Demütigung.

Zur Isolierung im Osten kommt die "Blockade des Westens", wie ein Warschauer Politiker die diplomatischen und wirtschaftlichen Einschränkungen durch EG und Nato nennt. Sie dauern, obwohl sich manches auflockert, zu lange, um nicht nachhaltig zu wirken. Polen gilt im ganzen Osten als das Paradebeispiel für die Gefahren einer Öffnung nach Westen; und auch in Warschau muß, wer damit weitermachen will, sich fragen lassen, ob er eine solche Katastrophe noch einmal riskieren möchte. Jeder Kenner weiß, wieviel durch den Leichtsinn und die Übertreibungen der Gierek-Ära verschuldet wurde. Trotzdem bleibt eine, sich vielleicht sogar verstärkende Enttäuschung: Ihr habt uns sitzen lassen, als es darauf ankam. Ihr Westeuropäer folgt den Amerikanern, wenn es um Polen geht. Aber als es ums Geschäft, ging, um das Röhren-Gas-Abkommen mit der Sowjetunion, da wart Ihr durchaus in der Lage, Euch gegen Washington durchzusetzen."

Nimmt man dazu die wirtschaftliche und innenpolitische Schwäche Warschaus, so ergibt sich dessen Außenpolitik fast von selbst. Erstes Ziel ist die Rehabilitierung im eigenen Bündnis, zweites der Wiedergewinn der früheren Stellung dort; die Normalisierung mit dem Westen wird zwar dringend und bald gewünscht, bleibt aber drittrangig. So heißt es über Jaruzelskis Moskau-Besuch Anfang Mai: "Die Sowjetunion und Polen sind der politischen Offensive der USA am meisten ausgesetzt, daraus ergeben sich gemeinsame Interessen, aus den gemeinsamen Interessen ergibt sich eine gemeinsame Politik." Dazu paßt die Ankündigung, die drei nächsten Fünf-Jahr-Pläne (bis zum Jahr 2000) zwischen Moskau und Warschau zu koordinieren.