/ Von Erika Martens

Ob Freund oder Feind – wer Georg Leber charakterisiert, der benutzt immer dasselbe Bild: Der Leber ist ein "Brückenbauer", heißt es stets. Und jeder verbindet andere Assoziationen damit. Unternehmer erinnern sich der partnerschaftsorientierten Tarifpolitik des einstigen Chefs der Gewerkschaft der Bauarbeiter; die Genossen von der SPD meinen seine Fähigkeit, zwischen den Blöcken in der Partei auszugleichen, obwohl der langjährige Minister der sozialliberalen Koalition selbst einem Block angehörte, dem der rechten "Kanalarbeiter". Die Parlamentarier aller Fraktionen schließlich lernten Leber in seiner Amtszeit als Vizepräsident des Deutschen Bundestages, schätzen, weil er es verstand, mit einer kleinen Bemerkung die Schärfe aus einer heftigen Debatte zu nehmen.

Als "Brückenbauer" wird Georg Leber derzeit wieder gebraucht. Im Tarifkonflikt der Metallindustrie um die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit sollte er die schier aussichtslose Situation eintschärfen. Die IG Metall hatte ihn in der vergangenen Woche als stimmberechtigten Schlichter vorgeschlagen. Zusammen mit dem Konstanzer Arbeitsrechtler Bernd Rüthers, dem Kandidaten der Arbeitgeber, nahm Leber die schwere Aufgabe Mitte vergangener Woche in Angriff, an dem Tag, an dem Kurt Biedenkopf, der Vermittler im Streit der Druckindustrie-, sein Lösungskonzept präsentierte. Biedenkopfs Scheitern entmutigte die Metall-Vermittler freilich nicht. Sein Modell, ließen Schlichter und Tarifparteien unisono verlauten, hätte für die Metallindustrie ohnehin nicht getaugt.

"Brückenbauer" Leber wollte zunächst ohnehin nichts von Patentrezepten wissen. Sein primäres Ziel war es, die Atmosphäre zwischen den Streithähnen zu entspannen. Und so ließ er bei der ersten Gesprächsrunde erst einmal ab und an einen kleinen Scherz in die erbitterte Diskussion um die Sache einfließen. Man kapierte: "Es darf gelacht werden."

Damit allein freilich war es nicht getan. Der frühere Chef der IG Bau wußte es, obwohl es in seiner Amtszeit (1957 – 1966) keine vergleichbaren Konflikte in der Bauindustrie gab. Denn Leber bekannte sich stets zu einer sachlichen, an den wirtschaftlichen Gegebenheiten orientierten Tarifpolitik. Ihm ging es nicht nur darum, die Löhne in die Höhe zu treiben oder die Arbeitszeit zu verkürzen. Er zog es vor, die Bauarbeiter sozial besser abzusichern, gründete eine Urlaubskasse, einen Fonds für die Kinder verunglückter Kollegen, richtete Ferienheime ein und verankerte als erster die Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand im Tarifvertrag der Maurer und Fliesenleger.

Dies alles brachte ihm unter den Kollegen im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) nicht nur Freunde ein. Anfang der sechziger Jahre mußte er sich von der IG Metall Otto Brenners, die noch ganz auf Klassenkampf eingestimmt war, den schlimmsten Vorwurf machen lassen, den ein Gewerkschafter zu hören bekommen kann: "Leber hat weniger verlangt, als er durfte", hieß es. "Er hat den Unternehmern auf Kosten seiner Mitglieder Geschenke gemacht."

Doch Leber ließ sich nicht beirren. Er nahm konsequent Abschied von antiquierten Klassenkampfparolen und warf schon in seinem ersten Amtsiahr 1957 die Verstaatlichungsthesen und die grundsätzliche Forderung nach Umverteilung kurzerhand aus der Satzung der IG Bau. Seine Parole: Sozialpartnerschaft, Verzicht auf lohnpolitische Abenteuer die der Kaufkraft des Geldes und der Wirtschaft insgesamt schaden könnten. "Sachliche Lohnpolitik" hieß das Schlagwort, das seine Strategie umschrieb – eine Formel, die die gewerkschaftliche Landschaft nach dem Kriege entscheidend veränderte. Die IG Metall, aber auch andere Organisationen innerhalb des DGB, sahen den rigorosen Abschied von der Vergangenheit mit wachsender Skepsis. Als Leber einen Lohntarif unterschrieb, der sich an den Zuwachsraten des Sozialprodukts orientierte, warfen ihm die Kollegen, wenig kollegial, gar vor, damit eines der Hauptziele des gemeinsamen Aktionsprogramms – nämlich mit Hilfe einer "aktiven" Lohnpolitik die Einkommens- und Vermögensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer zu verändern – "verraten" zu haben. Er sei, so der Vorwurf, den Arbeitgebern auf den "Versachlichungsleim gekrochen" und habe die gegebene Einkommensverteilung als gerecht anerkannt.