Der amerikanische Kongreß erwartet größere finanzielle Leistungen von den Verbündeten

Von Ulrich Schiller

Washington, im Juni

So einig war sich die Nordatlantische Allianz schon lange nicht mehr. Zwischen den wichtigsten Nato-Hauptstädten liefen die Telephone heiß. Europäische Botschafter warfen sich in Washington in die Schanze, aus Brüssel kabelte der amerikanische Nato-Botschafter Abshire: „Laßt die Finger davon; es wäre katastrophal“, Nato-Oberbefehlshaber General Rogers stieß ins gleiche Horn: „Unterlaßt das, es wäre kontraproduktiv“. Präsident Reagan warnte dringend: „wir dürfen das nicht machen“, und Außenminister Shultz und Verteidigungsminister Weinberger zogen diesmal resolut am gleichen Strick die Alarmfahne hoch.

War die Allianz plötzlich vor eine Notstandsentscheidung gestellt oder was sonst brachte sie, die im Normalzustand von amerikanisch-europäischen Händeln geplagt und von einer „Krise“ zur anderen geredet wird, so lückenlos zusammen? Wo saß der Feind?

Er saß im Senat. Er zählt zu den angesehensten Mitgliedern dieses exklusivsten Klubs der amerikanischen Hauptstadt, ist Militärexperte hohen Grades, profunder Kenner aller Nato-Probleme und ohne Zweifel engagierter ^Anhänger der Allianz, der demokratische Senator Nunn. Als Sam Nunn am 18. Juni vor der Abstimmung über den Verteidigungshaushalt 1985 (299 Milliarden Dollar hat der Senat bewilligt) einen Ergänzungsantrag ankündigte und bald darauf durchsickerte, was der Antrag beinhalten würde, brach in den Hauptstädten der Bündnisländer der Sturm los. Den Abzug von insgesamt 90 000 amerikanischen Soldaten aus Europa in drei Jahresraten zwischen 1987 und 1990 – also fast ein Drittel der gegenwärtigen Präsenz – solle der Senat beschließen, forderte Nunn, dies solle in dem Fall geschehen, daß Amerikas europäische Verbündete nicht endlich der vor sechs Jahren eingegangenen Verpflichtung nachkämen, ihre Verteidigungsausgaben jedes Jahr um drei Prozent zu steigern. Sei dies aus bestimmten Gründen nicht erreichbar, sollten die Alliierten wenigstens andere gemeinsam beschlossene Aufgaben erfüllen: die Munitionsvorräte erhöhen‚ bombensichere Abstellplätze für die taktischen Luftstreitkräfte bauen und anderes zur Verbesserung der konventionellen Rüstung leisten.