Der erbitterte Kampf um die Wochenarbeitszeit hat dazu geführt, daß die Zahl 40 im Tarifvertrag für manchen Funktionär auf beiden Seiten des Verhandlungstisches eine geradezu mystische Bedeutung bekommen hat. Wer Gewinner oder Verlierer des erbittersten Arbeitskampfes seit vielen Jahren ist, wird vor allem daran gemessen werden, ob der Angriff auf die 40-Stunden-Woche zum Erfolg führt oder verlustreich abgewehrt werden kann.

Diese Auseinandersetzung grenzt nicht nur deswegen oft an Albernheit, weil niemand mit wissenschaftlichem Anspruch definieren kann, was eigentlich die ökonomisch „richtige“ wöchentliche Arbeitszeit ist, sondern auch deshalb, weil eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden ohnehin nur auf dem Papier steht. Sie existiert schon seit langem nur noch als eine Art Recheneinheit.

Wer wissen will, wie lange tatsächlich im Durchschnitt gearbeitet wird, muß dazu nicht nur auf der einen Seite die Überstunden zur tariflichen Arbeitszeit hinzurechnen, sondern auf der anderen Seite auch die wegen Krankheit, Kurzarbeit oder Teilzeitbeschäftigung ausfallenden Stunden abziehen. Vor allem aber muß der Urlaubsanspruch berücksichtigt werden. Er hat sich seit Beginn der Sechziger Jahre mehr als verdoppelt, weil sich die Zahl der bezahlten freien Tage von 16 auf 30 erhöht hat und überdies die Samstage nicht mehr als Arbeitstage mitzählen. Aus kaum mehr als zweieinhalb Wochen bezahlter Freizeit wurden so sechs. Dies muß vor allem bei internationalen Vergleichen ebenso beachtet werden, wie die verhältnismäßig große Zahl an bezahlten gesetzlichen Feiertagen in der Bundesrepublik.

Nimmt man dies alles zusammen und dividiert die tatsächlich pro Jahr am Arbeitsplatz verbrachten Stunden durch die Zahl der Wochen, dann lag schon im vergangenen Jahr die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in der Bundesrepublik bei nur noch 32,2 Stunden. Das ist deutlich weniger, als die Ausgangsforderung von 35 Stunden, mit der IG Metall und IG Druck in diesem Jahr die Tarifrunde eröffneten und zu deren Durchsetzung sie das Land in einen wochenlangen Arbeitskampf stürzten. Allerdings bedeutet dies nicht, daß die 35-Stunden-Woche oder zumindest ein „Einstieg“ nur auf dem Papier stehen würden. Denn jede weitere Verkürzung der tariflichen Arbeitszeit führt fast automatisch auch zu einer Senkung der tatsächlichen Arbeitszeit. Eine tariflich vereinbarte 38-Stunden-Woche würde also bedeuten, daß die durchschnittliche Arbeitszeit nur noch etwa dreißig Stunden pro Woche betrüge.

Bei den Industriearbeitern ist die Zahl der effektiv im Jahr gearbeiteten Stunden sogar noch niedriger als im Durchschnitt der Arbeitnehmer. Im internationalen Vergleich wird nur in Belgien noch weniger gearbeitet. Das bedeutet allerdings nicht, daß deshalb dort das Problem der Arbeitslosigkeit geringer wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Während dort im vergangenen Jahr 14,4 Prozent Arbeitslose registriert waren, lag die entsprechende Quote in der Bundesrepublik (nach Berechnungen der EG) bei 8,4 Prozent.

Alle diese Zahlen sind einem kleinen roten Buch zu entnehmen, daß sich als außerordentlich nützliche Hilfe bei der Suche nach den wichtigsten Daten zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung bewährt hat und nun auch wieder mit den letzten verfügbaren Zahlen vorliegt. In diesen „Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland 1984“ (herausgegeben vom deutschen Institutsverlag zum Preis von acht Mark) findet der Leser fast alles, was er braucht, um sich den notwendigen statistischen Hintergrund für das aktuelle Geschehen zu verschaffen: Bevölkerungsentwicklung, Löhne, Preise, Arbeitszeit, Mitgliederzahl der Gewerkschaften oder Energieverbrauch.

Ein Blick in die Statistiken enthüllt aber nicht nur, daß die so heiß umkämpfte 35-Stunden-Woche in Wirklichkeit längst erreicht ist. Er zeigt auch, daß selbst die gegenwärtige Streikbewegung die Bundesrepublik im internationalen Vergleich immer noch als eine Insel des Arbeitsfriedens erscheinen läßt. So bescheidene Zahlen wie für die Jahre 1980 bis 1982 (siehe Tabelle) werden die Statistiker später für das Jahr 1984 zwar nicht errechnen. Aber den italienischen Rekord von über tausend verlorenen Arbeitstagen je tausend Beschäftigten – das bedeutet, daß jeder Italiener im Durchschnitt einen Tag im Jahr 1982 die Arbeit verweigert hat – werden die Deutschen wohl auch 1984 nicht brechen. In Deutschland legte von tausend Beschäftigten 1982 nur einer die Arbeit nieder. Auffallend bei einem internationalen Vergleich der Streikfreudigkeit ist, daß die drei deutschsprachigen Länder Österreich, Schweiz und Bundesrepublik ganz unten auf der Rangliste der in der Tabelle aufgeführten wichtigsten westlichen Industriestaaten stehen – noch hinter Japan.

Michael Jungblut