Dieser Arbeitskampf droht eine „Wende“ einzuleiten, die in einem sozialen Desaster endet

Das haben die beiden Seiten nicht gewollt.“ Dies ist das Fazit eines Mannes, der die Stimmungslage auf beiden Seiten der Tariffront genau kennt. Und in der Tat: Was Arbeitsber und Gewerkschaften der Metall- und Druckindustrie sich und uns allen durch den Arbeitskampf und Verhandlungsstil eingebrockt haben, daran wird noch lange zu löffeln sein.

Die Gewerkschaften haben jetzt schon einen schweren finanziellen Aderlaß erlitten. Noch schlimmer ist der Schaden, den Metaller und Drucker dem Renommee der gesamten Gewerkschaftsbewegung zugefügt haben. Vernunft und Augenmaß, von deutschen Arbeitnehmervertretern stets mit einem verächtlichen Seitenblick auf ihre streikwütigen Kollegen in Italien oder Großbritannien für sich reklamiert, wird ihnen nach den Erfahrungen dieser Wochen kaum noch zugebilligt werden. Und wie sich dieser Arbeitskampf auf das Schicksal der Arbeitslosen auswirken wird – denen doch angeblich die ganze Sorge der Funktionäre gilt – das werden wir bald feststellen können. Viel Gutes ist da nicht zu erwarten.

Die Argbeitgeber haben zwar ebenfalls materielle Verluste – und zwar in Milliardenhöhe – zu beklagen. Aber das wiegt wenig gegenüber den immateriellen Schäden, die dieser Arbeitskampf schon jetzt angerichtet hat. Der Ruf der deutschen Wirtschaft auf dem Weltmarkt als zuverlässiger Lieferant ist ebenso angeschlagen wie der eines Landes mit stabilen, berechenbaren sozialen Beziehungen. In vielen Unternehmen wurden alle Bemühungen um ein gedeihliches Betriebsklima, um motivierte und engagierte Mitarbeiter um Jahre zurückgeworfen. Und dafür, daß die Arbeitnehmer noch lange an das denken werden, was ihnen zum Konfliktmanagement unfähige Funktionäre angetan haben, werden die Einkommenseinbußen und die verlorenen Urlaubstage ebenso sorgen wie erbitterte Diskussionen am Arbeitsplatz darüber, ob die schweren Opfer durch das Ergebnis auch nur halbwegs gerechfertigt sind.

Beide Seiten haben es zu verantworten, wenn sich nun auch noch die ÖTV voll an die nächsten den-Forderung anhängt und bereits den nächsten – aus heutiger Sicht Kaum noch abwendbaren – Streik für den Herbst ankündigt. Sollte bis dahin gar das Unglück passiert sein, daß höhere Instanzen die bisherigen Entscheidungen der Sozial- und Arbeitsgerichte bestätigen, dann könnte die ÖTV den Staat in einer Form erpressen, wie dies selbst in diesem Bereich bisher nicht vorstellbar war. Bisher muß die Bundesanstalt für Arbeit Kurzarbeitergeld nur an Arbeitnehmer privater Firmen zahlen, deren Betriebe aufgrund einer raffinierten Streiktaktik ihre Tore schließen müssen, weil ihnen Strom und Wasser abgedreht werden. Die ÖTV könnte dann – und bei passender Gelegenheit könnte es fast jede andere Gewerkschaft – aber auch im eigenen Bereich mit minimalem eigenen Einsatz so katastrophale Schäden anrichten, daß jeder Arbeitgeber kapitulieren muß.

Im Fall der ÖTV wäre die Situation allerdings besonders pervers: Erst dürfen alle Arbeitnehmer mit ihren Steuern und Abgaben via Bundesanstalt für den überwiegenden Teil der Streikkosten aufkommen; dann müssen sie mit ihren Steuern für alle Zugeständnisse zahlen, die Bund, Ländern und Gemeinden von der ÖTV abgenötigt werden. Was haben wir eigentlich für Richter, die dies alles nicht sehen – oder nicht sehen wollen?

Ob es beide Seiten gewollt haben oder nicht: Dieser Arbeitskampf könnte das bringen, was die Regierung bisher nur versprochen hat – eine Wende. Aber es droht keine Wende zum Besseren zu werden, sondern eine Richtungsänderung, die uns von allem wegführt, auf dem bisher unser Wohlstand, unsere soziale Sicherheit und der soziale Frieden in diesem Land ruhten. Michael Jungblut