Ein Huhn mit Psychoanalysefimmel flog auf ein Gestell mitten im Hühnerstall und sagte so laut, daß es alle hören konnten: „Die Mütterlichkeit ist die Sublimation des Eis.“ Alle anderen Hühner verließen daraufhin schweigend den Hühnerhof und gingen auf die Tenne, um über das, was ihnen ihre Kollegin gesagt hatte, zu meditieren. Endlich kehrte ein Huhn in den Hühnerhof zurück und sagte zur Kollegin mit dem Psychoanalysefimmel: „Das Ei ist die Sublimation der Mütterlichkeit.“

Aus dem neuen „Tintenfisch“ des Klaus Wagenbach Verlags, Berlin.

Trias infernal

Vor Jahren, in den heroischen Zeiten der Kulturkritik, kämpfte man gegen die Bestsellerliste, die der Spiegel wöchentlich publizierte. Sie verdoppele das, was ohnehin gang und gebe sei, und reduziere die Chancen der schwierigen und – also notwendigen Bücher. So etwa lautet das wichtigste Argument gegen die Bestsellerliste. Sie hat sich gegen alle Widerstände behauptet, wie ja zumeist das Unvernünftige gegen die Vernunft resistent und daher besonders beliebt ist, ob es sich nun um Auto-Crash oder Coca Cola, um Breakdance oder um Ehebruch handelt. Nun aber, seit einiger Zeit und offenbar ziemlich unbemerkt, ist die Bestsellerliste dabei, sich selber ad absurdum zuführen und, nachdem sie alle Attacken überlebt hat, einem kläglichen Selbstmord entgegenzugehen. Man weiß nämlich immer häufiger nicht mehr (schlägt man den aktuellen Spiegel auf): ist das die neue Liste, ist es die der Vorwoche oder die des Vormonats? Immer steht Michael Ende an der Spitze, seit Jahren schon, dicht gefolgt von Umberto Eco und Frau Allert-Wybranietz und ihren Gedichten. Jahraus, jahrein diese wackere Trias, und Variationen ergeben sich allenfalls dadurch, daß Ende, wie in diesem Frühjahr, ein neues Buch schreibt und sich selber den Spitzenplatz streitig macht. Der nachlässige Leser hat inzwischen begriffen, daß Ende-Eco-Wybranietz die größten sind und daß an ihnen kein Weg vorbeiführt, es sei denn hartnäckiges und gezieltes Nicht-Lesen. Einem Lottoziehungsgerät, daß jede Woche immer dieselben Zahlen ins Körbchen rollen läßt, schaut kein Mensch mehr zu. Die Bestsellerliste strahlt den moribunden Reiz einer Schallplatte aus, in die sich der Saphir festgefressen hat.

Zum Schleifen-Ordnen

Der kulturelle Ausbau der Bundeshauptstadt Bonn geht geschwinde voran. Jetzt hat die Bundesregierung eine Vorentscheidung getroffen; sie wurde sich einig, daß das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ sowie eine Kunst- und Ausstellungshalle im Regierungsviertel plaziert werden sollen (und daß man nun die eigentlichen Kulturhoheitsträger, die Länder, besonders das „Sitzland“ Nordrhein-Westfalen über die geplante Kulturstiftung mit zum Bezahlen herankriegen muß). Das dritte Projekt, an dem unserem Kabinett besonders viel liegt, soll sogar ganz in der Nähe der Abgeordneten, gleich beim „Langen Eugen“ gebaut werden: eine nationale Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft. Endlich bekämen dann unsere Staatsmänner und -frauen die Möglichkeit, die ausländischen Staatsmänner und -frauen beim Besuch in Bonn tun zu lassen, was sie woanders auch immer tun müssen, nämlich Kränze durch die uniformierte Dienerschaft niederlegen zu las- sen und sodann, Zeichen äußerster Teilnahme, die Schleifen zu ordnen, wenn sie auch gar nie in Unordnung geraten – ein Rest aktiver Trauer. Schon vierzig Jahre danach geschieht das. Man erkennt daran, wie schnell unsere Politiker gemerkt haben, daß ihnen irgendetwas gefehlt hat.

Minus mal Minus