Wie hübsch, denkt man beim ersten, vergnügten Durchblättern, wie hübsch und wie wenig anstrengend diesmal. Viele bunte, oft ein bißchen verwackelte Photos, wenig Text, große Buchstaben, viel Luft dazwischen; feines Papier, ein nachtblauer Umschlag und ein richtiges Lesezeichen: Herbert Achternbuschs neues Buch "Wind" tritt auf in einer Edel-Ausstattung des Zweitausendeins-Versands. Ein Familen-Album, Photos aus dem Schuhkarton. Ein Papier-Kino mit vielen bekannten und einigen bisher unbekannten Darstellern.

Doch der Schein trügt. Was auf den ersten Blick wie eine aufwendig inszenierte Nichtigkeit, wie ein rasch produziertes Nebenwerk aussehen mag, ist genau das Gegenteil. Ein Hauptwerk, ein Schlußwort, ein Abschied. Ein letztes Rauchzeichen des Komantschen, ein letzter Pfiff auf einem letzten Loch. Die Stunde des Todes.

Eine Weltkatastrophe hat stattgefunden. Ein "Lachendes Gewitter wahrscheinlich der Atomblitz. Die Welt ist wieder, wie sie vor der Schöpfung war, wüst und leer – des Dichters Geist schwebt über den Wassern.

Ein letzter Überlebender stolpert durch eine menschenleere Szenerie. Zwar gibt es noch eine Natur, aber die Natur ist grau und starr geworden, hat alle Farben verloren. Der Überlebende (natürlich Herbert Achternbusch) gräbt in den alten, noch immer bunten Photos und schreibt an einen "lieben Hartmut" fünf lange Briefe. Und weil er allein ist, spricht er mit sich selber, "mit dem Wahnsinnigen in meinem Kopf". Texte vom Ende der Welt. Das Buch "Wind" ist also Photo-Album, Brief-Roman und bayerische Apokalypse in einem. Eine biblische Schrift: das Buch Herbert.

Im Prozeß gegen den Dichter und Filmemacher Achternbusch gibt es zwei, selbstverständlich unversöhnliche Parteien: die nicht mehr so kleine Gemeinde der Anbetenden und die große Gesellschaft der Verächter. Für ihr Gerichtsverfahren liefert auch das Buch "Wind" jede Menge Argumente – wer Achternbusch schlecht findet, findet die schlechten Stellen ebenso mühelos wie der Liebhaber die schönen. Wer das Buch wutblind durchblättert, sieht nichts als einen riesigen Schrott- und Trümmerhaufen. Wer länger hinschaut, entdeckt, manchmal im Müll vergraben, Spuren reiner Poesie, Bruchstücke aus einem Weltgedicht. Schlechter als Achternbusch, schöner als Achternbusch schreibt von unseren Dichtern heute keiner.

Allerlei Rausch- und Bierdeckel-Lyrik. Viele Albernheiten – die bei Achternbusch aber nichts Gemütliches sind, immer etwas Bedrohliches, Tobsüchtiges haben. Langsam nur kommt die Geschichte in Gang: die Sätze schnauben und schwitzen gewaltig, man sieht den Schriftsteller Achternbusch förmlich auf die Schreibmaschine einschlagen, losprügeln, bis sie endlich mitspielt. Doch dann gelingen ihm plötzlich vollkommen einfache oder auch völlig rätselhafte Sätze – verdrängen den etwas geläufigen, krachledernen bayerischen Surrealismus. Vor allem, wenn der Dichter von seinen Kindern schreibt, stehen plötzlich die richtigen Sätze ganz einfach da, die Sprache darf aufhören, Faxen zu machen, Grimassen zu schneiden. Am Ende der Welt ein Kinder-Buch, ein Kindertotenlied – wenn er von den Kindern redet, hat Achternbusch, der unaufhörliche Ego-Darsteller, plötzlich einen trauernden, staunenden Blick für andere.

Am Ende, in einem wahrhaft großartigen Schlußwort, findet alles wie mühelos zueinander: der bayerische Witz und das biblische Pathos, der Prunk der Wörter und die Einfachheit. Und wie es sich für ein Buch des Lebens gehört, steht am Ende, ja was? Ein Gesang, ein Gebet an einen plötzlich freundlichen, brüderlichen Gott. Wie alle Propheten redet Achternbusch: dunkel und blendend hell. Am Ende ist das Wort.