Wir sind noch einmal davongekommen. Doch die Zeitbombe der internationalen Schuldenkrise tickt weiter.

In den Vorstandsetagen der international tätigen Banken in den Vereinigten Staaten, aber auch in der Bundesrepublik und in Japan ging eine Zitterpartie zu Ende. Argentinien und seine Gläubigerbanken haben sich buchstäblich in letzter Minute auf ein Finanzpaket geeinigt, das einen neuen Fieberanfall an den internationalen Finanzmärkten vorerst hinausschob.

In Wahrheit ist nicht viel mehr geschehen, als daß amerikanische Gläubigerbanken wieder einmal um den Zwang herumkommen, auf die argentinischen Forderungen Wertberichtigungen vorzunehmen. Die amerikanischen Bankaufsichtsgesetze schreiben vor, daß ein Kredit, dessen Zinsen mehr als 90 Tage überfällig sind, als in Verzug geraten gilt und deshalb abgeschrieben werden muß. Argentinien war mit seinen Zinsen fast 90 Tage im Rückstand, als sich die Gläubigerbanken unter dem Druck dieser Vorschrift durch neue Kredite selbst davor bewahrt haben, für das zweite Quartal empfindlich geschrumpfte Gewinne ausweisen zu müssen. Das Eingeständnis, daß es ihnen gar nicht so gut geht, wie sie immer behaupten, hätte die Kapitalmärkte in einem Zeitpunkt unfreundlich gestimmt, da die Banken auf freundliches Klima angewiesen sind. Was der Continental Illinois Bank aus inneramerikanischen Gründen widerfahren ist, wäre auf manche Bank, die sich bei Krediten an lateinamerikanische Länder übernommen hatte, jetzt aus der internationalen Wetterecke zugekommen – eine Erschütterung des Vertrauens in die Solidität des internationalen Finanzsystems.

Wir sind noch einmal davongekommen, aber nur für 90 Tage. Denn die Bankkredite, mit denen die Argentinier ihre rückständigen Zinsen zahlen können, haben eine Laufzeit von 45 Tagen, die im Notfall verdoppelt werden kann. Das Finanzpaket ist schließlich unter Schluckbeschwerden der Banken vereinbart worden, weil der Währungsfonds von Fortschritten in den Verhandlungen über ein argentinisches Sanierungsprogramm berichtet hatte. Dieses Programm ist die Hoffnung der internationalen Bankwelt, Argentinien werde aus seinem wirtschaftspolitischen Schlendrian herausfinden, der ihm zuletzt eine Inflationsrate von fast 600 Prozent beschert hat. Das Land verhandelt mit dem Währungsfonds über einen neuen Kredit in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar, mit wirtschaftspolitischen Auflagen, versteht sich.

Es gibt einige hoffnungsvolle Zeichen. Die elf wichtigsten lateinamerikanischen Schuldnerländer – darunter auch Argentinien – haben auf der Konferenz im kolumbianischen Cartagena eine verstärkte regionale Zusammenarbeit zur Lösung der Schuldenkrise beschlossen. Der gefährlichen Versuchung, ein Schuldnerkartell zu gründen, das alle Länder umfassen würde, die die Bedienung ihrer Schulden verweigern, sind sie nicht erlegen. Erneuert wurde dort auch die alte Idee, zwischen Schuldendienst und Exportkraft eines Landes ein Verhältnis festzulegen, an dem sich Umschuldungen zu orientieren hätten.

Hier liegt des Pudels Kern. Finanziell werden Schuldner und Gläubiger immer wieder Wege finden, um über die nächsten Runden zu kommen – durch Streckung der Fälligkeiten, Gewährung neuer Kredite und Hilfe der Währungsfonds. Entscheidend für die Stabilität des Weltfinanzsystems wird aber sein, ob sich die Industrieländer bequemen werden, den Schuldnerländern ihre Märkte mehr als bisher zu öffnen. Lippenbekenntnisse dafür gibt es auf der nördlichen Halbkugel zuhauf. Nur an Taten mangelt es. Die Regierungen der Industrieländer laufen sehenden Auges in ihr Unglück. Die Einigung für Argentinien bringt nicht mehr als eine kurze Atempause. Rudolf Herlt