Von Nina Grunenberg

München, im Juli

Die Nordlichter verfolgten es mit Staunen: Bayern trauerte mit Franz Josef Strauß um seine Frau Marianne – spontan, theatralisch, gewaltig. Achtzig Gebirgsschützen aus 38 Kompanien standen Spalier, als Erzbischof Friedrich Wetter am Samstagnachmittag im Münchner Liebfrauendom das Requiem zelebrierte. Im Dritten Programm des Fernsehens wurde die Totenmesse wie ein Staatsakt übertragen. Währenddessen warteten draußen vor den Portalen die Tausende, die keinen Einlaß mehr gefunden hatten und die zum Teil mit Bussen aus allen Teilen Bayerns angereist waren, um ihre Verbundenheit mit dem Hause Strauß zu bezeugen.

Von der angereisten Prominenz begriffen nicht alle, wie ehrlich die Anteilnahme gemeint war. Als Bundeskanzler Helmut Kohl beim Verlassen des Domes die Menschenmenge erblickte, verklärte sich seine Miene zu einem breiten Lächeln. Seine spürbare Lust, die günstige Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen und Arbeit am Menschenfleisch zu leisten, wurde mit verblüffend giftigen Kommentaren bedacht. Helmut Kohl hat in Bayern derzeit ohnehin keine Konjunktur. Übelgenommen wurde ihm aber speziell, daß er die Besonderheit der Stunde nicht erkannte: Getrauert wurde ja nicht um irgendeine Politikerfrau, sondern um die Landesmutter. Als solche ist die Frau des bayerischen Ministerpräsidenten zwar nicht in der Verfassung vorgesehen, wohl aber in der bayerischen Tradition, mit der sich viele Bürger gefühlsmäßig noch immer identifizieren.

Seit dem Tod seiner Frau wird Franz Josef Strauß in Bayern von einer Woge des Mitgefühls und des Respekts getragen. Bei seinem Anhang gesellt sich dazu noch eine fast ängstliche Sorge um sein Wohlergehen, verbunden mit einem tiefen, fast kreatürlichen Erschrecken. Die Bitten, er möge die Hoffnung nicht verlieren, werden dem Witwer fast flehentlich vorgetragen. Allen Ernstes wird ihm Politik als Lebenselixier empfohlen.

Die CSU ging ihrem Vorsitzenden mit gutem Beispiel voran, indem sie ihre eigene Betroffenheit über den Todesfall in einem eruptiven Ausbruch über die verfahrene Bonner Lage Luft und Ausdruck verschaffte. Auslösendes Moment war die Ernennung und Vereidigung des FDP-Politikers Martin Bangemann zum Nachfolger von Graf Lambsdorff auf dem Stuhl des Wirtschaftsministers – in den Augen der CSU ein "reines Windhundspiel". Der Ausdruck galt der Qualität des Kandidaten ebenso wie der Verfahrensweise. Die CSU-Landesgruppe stimmte Bangemanns Ernennung am letzten Mittwoch mit Schweigen zu, gab sich anschließend aber ihrer Entrüstung über die "menschlich unanständige Haltung" Kohls in einer Weise hin, daß Landesgruppenchef Theo Waigel noch am selben Tag eine Sondersitzung anberaumen mußte, um die Wogen zu glätten. Auf die Frage nach der Logik dieses Verhaltens antwortete ein CSU-Politiker: "Ein Bundeskanzler, der sich unaufhörlich rühmt, daß er dem bayerischen Löwen auf den Schwanz getreten ist, und der auch noch unverhohlen zugibt, daß er es genossen hat, dem kann man doch nicht mehr glauben, daß er in der Sache Bangemann mit uns kein übles Spiel treiben wollte."

In Bonn mag schwer vorstellbar sein, was in München, der heimlichen Hauptstadt, in diesen Tagen alles zur Disposition gestellt und diskutiert wird. Bayern macht mobil. Diesmal handelt es sich dabei nicht um eines jener Indianerspiele, wie sie die CSU so liebt. Für sie hat der Kampf um die politische Existenz begonnen. Nicht gerade um ihre eigene, die Mehrheiten in Bayern sind der CSU immer noch sicher, aber um die Vormachtstellung der CDU/CSU im Bund. In ihren Augen benimmt sich Helmut Kohl wie ein Mann, der im Lotto gewonnen hat und gerade dabei ist, den Hauptgewinn zu verspielen, anstatt mit ihm zu wuchern und an die Wahlen 1987 zu denken.