Inzwischen haben 49 Flüchtlinge die Vertretung verlassen

Von Marlies Menge

Berlin (DDR), im Juni

Freitag letzter Woche: Am Haupteingang der Ständigen Vertretung ist das Rollgitter herabgelassen, daneben steht ein Polizist in grüner Uniform. Am Gitter hängt seit Mitte letzter Woche ein handgeschriebener Zettel: "Die Ständige Vertretung kann vorübergehend keine Besucher empfangen. Sie können sich schriftlich oder telephonisch an uns wenden."

An der Ecke gegenüber stehen drei der auffällig-unauffälligen grauen Männer des Staatssicherheitsdienstes. Daß sie da herumstehen, muß ihnen bei der augenblicklichen Situation noch sinnloser als sonst erscheinen. In den beiden Wachhäuschen links und rechts neben der Vertretung sitzen jeweils zwei Polizisten. Der Polizist neben dem Eingang zum Hof verlangt meinen Ausweis, prüft ihn eingehend, gibt ihn zurück.

Die Pforte zum Hof ist durch eine Kette gegen ungebetene Gäste gesichert. Der Pförtner dahinter läßt sich meinen Namen sagen, radelt dann zum hinteren Eingang der Vertretung, bringt nach einiger Zeit Pressesprecher Grasshoff mit. Ich werde eingelassen und durch das Haus in Grasshoffs Büro geleitet.

Wehmütig erinnere ich mich an vergangene Zeiten, als wir Korrespondenten uns frei im Haus bewegen konnten. Jetzt muß man aufpassen auf uns, verhindern, daß wir in den fünften Stock stürmen, um jene 55 Leute zu interviewen, die durch ihre Zuflucht in die Vertretung ihre Ausreise in den Westen erzwingen wollen. 49 haben "freiwillig und ohne Nachteile" die Vertretung verlassen und sind in ihre Heimatorte in der DDR zurückgekehrt. Vier Erwachsene und zwei Kinder blieben. Sie wollen offenbar etwas erzwingen, was nicht erzwingbar ist, nämlich direkt in die Bundesrepublik ausreisen.