Von Barbara Ungeheuer

New Yorks demokratischer Bürgermeister Ed Koch hatte ein deftiges Lob parat: "Geraldine Ferraro wäre für die Demokratische Partei besser als Hühnersuppe." Der Kongreßabgeordneten aus New York wäre tatsächlich nichts lieber, als ihrer Partei als Stärkungsmittel zu dienen. Denn mit dem Ende der Selbstzerfleischung bei den Vorwahlen und dem Sieg Walter Mondales hat sich der Gesundheitszustand der Demokratischen Partei keineswegs verbessert. Mondale liegt nach allen Umfrageergebnissen weit hinter Ronald Reagan zurück. Kann der richtige Vizepräsidentschafts-Kandidat daran etwas ändern? Vielleicht gerade ein Italo-Amerikaner, der für die Demokraten jene zumeist katholischen Arbeiter italienischer, irischer, osteuropäischer Herkunft zurückgewinnt, die 1980 in Scharen zu Reagan übergelaufen sind? Oder etwa eine Vizepräsidentschafts-Kandidatin?

Ronald Reagan ist nach einem populären Bonmot aus dem Lager Gary Harts der "Teflon-Präsident": Schlechte Nachrichten gleiten an ihm ab wie Speiserückstände an einer beschichteten Bratpfanne. Aber damit hat Reagan bisher Erfolg: genau wie er wollen die meisten Amerikaner keine schlimmen Dinge hören. Geraldine Ferraro und ihre Partei müssen sie dagegen auf das Tapet bringen : Arbeitslosigkeit, hohe Zinsen und verringerte Sozialleistungen.

Daß die 48jährige Abgeordnete aus dem New Yorker Arbeiterstadtteil Queen, in dem das amerikanische Fernsehen ein Gegenstück zu Deutschlands Ekel Alfred Tetzlaff angesiedelt hat, heute von Hierarchen der Demokratischen Partei wie dem Speaker des Repräsentantenhauses Tip O’Neal für die Vizepräsidentschaft vorgeschlagen wurde, hat sie ihrer Person, vor allem aber ihrem Geschlecht zu verdanken. Sechs Millionen mehr Frauen als Männer sind im November wahlberechtigt.

Zwar sind die Amerikanerinnen noch nie "wie eine Frau" an die Urnen gegangen. Diesmal aber haben Republikaner wie Demokraten berechtigte Angst davor, daß sehr viele Frauen ihre Stimmabgabe davon abhängig machen, welche Kandidaten ihren besonderen Interessen entgegenkommen. Wichtigstes Frauenthema ist die Forderung nach wirtschaftlicher Gleichberechtigung: Heute verdient die Amerikanerin nur 62 Cents gegenüber einem Dollar, den ein Mann im statistischen Mittel einsteckt. Die Frauen – das ist ein weiteres Thema – beurteilen Reagans Außenpolitik negativer als die Männer. Umfragen zeigen, daß mehr als die Hälfte der Amerikanerinnen Angst hat vor einer Verwicklung in einen Krieg in Mittelamerika, vor einem unkontrollierten Rüstungswettlauf und vor einem Atomkrieg. Die Männer sehen das alles gelassener, neigen eher dem Standpunkt der republikanischen Administration zu.

Diese wachsende Kluft zwischen Männern und Frauen soll Frau Ferraro für ihre Partei ausnutzen. Zusammen mit Dianne Feinstein, der Bürgermeisterin von San Francisco, nimmt sie an der Brautschau teil, an deren Ende die Demokratische Partei den running mate für Walter Mondale küren wird. Auch wenn es zu einer der wenigen Freiheiten des Präsidentschaftskandidaten gehört, seinen Vize auszuwählen, wird dem mit Ach und Krach erkorenen Mondale doch daran liegen, seine Partnerwahl in Einklang mit den Wünschen der Partei zu treffen. Geraldine Ferraro ist Vorsitzende der Programmkommission für den Parteikonvent in San Francisco – eine gute Position, um die Parteimeinung für ihre Kandidatur einzunehmen.

Beim Abendessen in einem italienischen Restaurant auf Manhattans East Side stochert sie nur in ihrer Pasta, weil sie lieber spricht als ißt. Sie traut sich das Amt zu, das "nur einen Herzschlag" von der Präsidentschaft entfernt ist. "Wir haben die Vizepräsidenten Richard Nixon und Spiro Agnew überstanden, da werden wir auch eine Frau ertragen können, meinen Sie nicht?" Wenn Genie Ferraro lächelt, blitzen die grünen Augen so frisch, als sei ihr Vierzehnstunden-Tag mit Reden in Synagogen, dann vor italo-amerikanischen Würdenträgern und schließlich auf einer Tagung weiblicher Rechtsanwälte die reinste Erholung gewesen.