Von Helmut Schödel

Als Herbert Achternbusch vor zwei Jahren in seinem Film "Das Gespenst" als 42. Christus eines bayerischen Klosters wie ein deprimierter Statist vom Kreuz stieg, wirbelte ein gewaltiger Sturm der Empörung in Bonner Amtszimmern und Passauer Bibelstunden fingerdicken Staub auf, der aussehen sollte wie der Rauch über Sodom. Zweitausend heillose Jahre Christenheit hatten für Achternbuschs Jesus den Sturz vom Helden zum Clown bedeutet. Im "Gespenst" nahm er, uns zur Schande, diese Clownsrolle an und zog als jobsuchender Ober durchs Land. Aus einer mindestens 50 Jahre alten Staubwolke rief es ihm nach: "säuisch", "pervers", "dekadent". Das war die Stimme eines CSU-Politikers. Einen Jesus, an dem sie selber schuldig geworden sind, wollten sie nicht. So wurde neben 41 gerechten der 42. Christus zum Ketzer.

In einer Scheune, mitten im Bayerischen Wald, dessen Bäume bereits gestorben sind, wird Herbert Achternbusch an einen Balken gebunden. Eine junge Frau sammelt Unrat, den sie in einem Kreis um den Gefesselten auf den Boden legt. Ihr langes, dunkles, gekräuseltes Haar ist drahtig, ihr schiefes, knochiges Gesicht bleich, ihre Stimme sanft, fast getragen und voll Mitleid. Aus der Hexe wird ein Engel, wenn sie sagt: "Wo der Wald tot ist, soll auch das Volk nicht mehr leben." Dann legt sie, wie auf höheren Ratschluß, ein Feuer. Man hört Janet Baker singen: Gustav Mahlers Vertonung von Friedrich Rückens "Ich bin der Welt abhanden gekommen." So beginnt ein Opferritual, eine schwelgerische Szene voll Todesromantik – und eine Anklage. Wir sehen einem Opfer beim Sterben zu. Wer war der Täter? Da tritt ein namenloser, zweifelsfrei bayerischer "Ministerpräsident" vor die Flammen und sagt: ‚Spart euch das Wasser! Man muß auch etwas abbrennen lassen können!" Mit dieser Szene antwortet Achternbusch in seinem neuen Film "Der Wanderkrebs" auch auf die Kampagne gegen "Das Gespenst". Wie zur Strafe dafür wird er jetzt als Ketzer verbrannt.

"Der Wanderkrebs" ist Achternbuschs pessimistischster Film. Die Hauptpersonen sind ein "Ministerpräsident" (eine Mischung aus Ludwig dem Zweiten, Franz Josef Strauß und Franz Baumgartner, der ihn spielt) und ein offenbar an Kehlkopfkrebs erkrankter, mit einer Reibeisenstimme sprechender "Waldler" (Herbert Achternbusch), der ein Gegner des Präsidenten ist. Mit dem Wald stirbt also nicht nur der Waldler, sondern auch die Opposition – und alle, die nach dem Tod der Bäume wie eine Wanderausstellung einen Plastikwald durchs Land tragen, der so giftig ist, daß er als Wanderkrebs bezeichnet wird. Menschen, Natur, Demokratie: Alles hat der Wanderkrebs zerfressen.

In vielen Szenen ist der "Wanderkrebs" eine Fortsetzung der frühen Komödien (vom "Andechser Gefühl" bis zum "Komantschen"). Allerdings treibt dieser Film die Achternbusch-Komödie ins Groteske, sogar in die Klamotte. Der Schreibtisch des Ministerpräsidenten ist eine alte Nähmaschine, sein Stuhl eine Kloschüssel, sein Telefon ein Rasierapparat. Wenn er nach seinen Untertanen klingelt oder zur Ordnung ruft, haut er mit einem hölzernen Kochlöffel auf den Rest eines Weckers. Wie eine Klamotte soll uns danach auch die Politik erscheinen. Das ist ein alter und ein gefährlicher Trick. Schon Dürrenmatt zeigte Romulus den Großen in einem Hühnerstall. Das war vor drei Jahrzehnten. Wie Romulus wird jetzt der Präsident fahrlässig unterschätzt. Schließlich läßt er den Waldler verbrennen: mitleidlos, gnadenlos.

Zur typischen Achternbusch-Komödie findet "Der Wanderkrebs" nicht mehr zurück. Zu avanden schon ist Achternbuschs Kunst. Achternbusch, der auch ein großer Schauspieler ist, macht aus dem Waldler eine geduckte, schrecklich krächzende, ziemlich schweigsame, ängstlich lauernde Elendsperson. Auch das Kostüm des Präsidenten ist ein groteskes Modellstück. Der Bart aus schwarzer Wolle erinnert an Dschingis Khan, der Hermelinkragen an Ludwig den Zweiten, der Hut an Geßler. Während so aus dem Waldler Herbert Teil wird, spielt Franz Baumgartner nur wieder Laientheater, möglichst authentisch, möglichst persönlich. Dabei sitzt er in einem Globuszimmer, dessen riesige, Raum und Menschen erdrückende Weltkugel (genauso wie ein winziges Pappmachegebirge, das der Waldler besteigt) eher an Studio-Arrangements von Alexander Kluge und Hans Jürgen Syberberg erinnert. Auch die wunderbare Schlußsequenz hat wenig mit den alten Komödien zu tun. Das Gespenst des Waldlers und der Hexe, beide mit einer durchsichtigen Regenhaut bekleidet, Blumen vor dem Mund, sitzen in Nebel und Regen auf einem Meer von Steinen. Die dunklen Haare der Frau werden weiß vom Rauhreif, der aussieht wie Staub und Spinnweben auf einem alten, lange verblichenen Bild. Die beiden Gespenster versuchen sich zu berühren. Dann entfernt sich die Szene immer weiter. Achternbusch fliegt ins Paradies.

In seinem Film "Rita Ritter" wird er gerade geboren. Dieser Film beginnt, wo "Die Olympiasiegerin" aufhört und kann als deren Fortsetzung gesehen werden. Wie schon "Der Neger Erwin" ist auch "Rita Ritter" ein Film über das Filmemachen. Allerdings geht es jetzt nicht mehr um die Begründung der Komödie. "Rita Ritter" ist eine schwermütig begonnene, fröhlich scheiternde Revolte gegen das Kino, dessen Ablösung dieser Film versucht.