Wenn der Film beginnt, ist der Krieg aus. Ein Heimkehrerdrama samt ehebrechender Frau (Eva Mattes) und dumpf leidendem Landser (Sepp Bierbichler) geht zu Ende. Ein Kind wird geboren. In der so düsteren wie infantilen Welt der ersten Szenen wird das Kind zum Künstler berufen. Eine Teekanne befiehlt dem Neugeborenen: "Jetzt erhebe dich und werde was ... schreibe Drehbücher, Blatt um Blatt, mache Filme, Bild um Bild, Theaterstücke, bis es dich zerreißt." So kommt der junge Mann, ein Doppelgänger Achternbuschs (und zum ersten Mal nicht von ihm selber, sondern großartig von Annamirl Bierbichler gespielt), in die Welt der Film- und Fernsehfunktionäre. Frau Holch, ZDF-Redakteurin (Barbara Valentin), lehnt Ritas Drehbücher mit schwachen Begründungen ab, will aber stark mit ihm schlafen. In ihrem Büro trägt sie das T-Shirt mit den drei roten Pepperoni, das bisher nur Achternbusch und seinen Doubles vorbehalten war. Üppig wuchert die Dummheit in den Büros.

Aber Rita sieht sich nicht nur von den Medienfunktionären, sondern – wie schon der Mann Nil in dem Film "Das letzte Loch" – auch von der Geschichte geschlagen. Wie Nil betrachtet auch Rita ihr mit Rasierschaum bedecktes Gesicht in einem billigen Handspiegel. Zu dumpfen Paukenschlägen rückt das besudelte, verclownte Spiegelbild immer näher. Die Kamera tastet sich an der Wand entlang durch Ritas Zimmer wie an einer Exekutionsmauer vorbei, über Bücherrücken, Speisevorräte und eine Christusfigur zu einem Bild aus Polen: Die abgehackten Hände eines Gefangenen halten Hammer und Sichel in die Luft. Die Kamerafahrt endet über einer Bratpfanne, in der ein Spiegelei verschmort. Rita spritzt Wasser in das heiße Fett. Explosionen. Das ist möglicherweise die beeindruckendste Szene, die Achternbusch jemals gelungen ist. Ein Gang durch die Geschichte, die eine Mauer ist, mit Kultursymbolen überladen. Am Ende bleiben Rauch, Gestank, Verkohltes. Und alles das erscheint ganz selbstverständlich. Diese Szene kennt kein falsches Pathos: nur Metaphern aus dem Alltag.

Den alternden Filmemacher spielt Annamirl Bierbichler als Transvestiten (Achternbuschs Beitrag zur Psychopathologie der Hosenrolle). In einem Pariser Bistro sitzt er neben seiner Traumfrau, der er sich schon anverwandelt hat. Sie ist schöne Fremde und weibliches Paradies in einem: Rita heißt sie und spielt gerade Susn in Achternbuschs gleichnamigen Theaterstück. Lange hat der Künstler Rita sie gesucht und mit seinen Filmen verfehlt. Jetzt sagt er: "Du bist die Wahrheit und wir werden uns heute nacht umarmen." Dann spazieren sie beide durch die große Stadt.

Das ist der Weg dieses Films: Aus düsteren Innenräumen der ersten Szenen führt er in die Straßen von Paris; von schwermütigen Monologen zum Gespräch; von der stehenden Kamera zur Featuretechnik des Pariser Spaziergangs. In der Schlußsequenz des Films steigen die beide Ritas auf die Hackerbrücke, die kurz vor dem Münchner Hauptbahnhof über die Gleisanlagen führt. Lachend und grimassierend stellen sie Transparente auf. Immer wieder fährt die Kamera an den Spruchbändern entlang: "Nieder mit Bayern!" – "Nieder mit Passau!" – "Nieder mit der Hackerbrücke!" Als Passanten, die alle Transparente kommentieren, tauchen erst kurz vor Schluß die bekannten Gesichter aus Achternbuschs Laienensemble auf.

Lange Jahre hat sich Achternbusch geweigert, mit Berufsschauspielern zu arbeiten. Margarethe von Trotta und Branko Samarovski blieben Ausnahmen. In "Rita Ritter" dominieren die Stars: Eva Mattes, Barbara Valentin, Armin Mueller-Stahl und vor allem die wunderbare französische Schauspielerin Christiane Cohendy als Susn und Rita. Durch ihr artifizielles Spiel wurde die Traumfrau, die größer schien als das Kino, zu einer Kunstfigur zurückgenommen: so unterkühlt, neurotisch und gleichzeitig exaltiert wie Frauen in frühen Filmen von Werner Schroeter. Die Traumfrau ist eine Schauspielerin, selber ein Stück Theater und Kino. Die Begegnung mit dem weiblichen Idol war also doch nur in der Fiktion möglich. Die Flucht in die Realität ist mißlungen. Der Film ist stärker.

Vor seiner Abreise nach Paris zitiert Rita ein paar Zeilen aus einem Rilke-Gedicht: "Auszug des verlorenen Sohnes". In den "Sonetten an Orpheus" heißt es: "Gesang ist Dasein." Film ist Leben. Gottseidank läßt es Achternbusch nicht bei diesem faulen Irrtum bewenden. Immerhin findet er am Ende auch wieder Kraft zum Protest. Auf dem letzten Transparent steht: "Nieder mit dem Ende!" Schon hat Achternbusch ein neues Drehbuch fertig: "Fönforscher"