Hamburg

Davon träumen viele Studenten: ohne Geldsorgen in aller Ruhe zu studieren, weil jeden Monat 5000 Mark aufs Konto gebucht werden. Diesen Wunschtraum erfüllte sich jahrelang Pastor Dr. Karl-Heinz Nebe. Sein Amt in der Christuskirche im Hamburger Stadtteil Eidelstedt-Nord sicherte ihm und seiner Familie den Unterhalt, hinderte ihn aber nicht daran, Medizin zu studieren und seine zweite Doktorarbeit zu verfassen. "Nebenbei" absolvierte er sogar die Zeit als Assistenzarzt und arbeitete ein halbes Jahr ganztägig in einer Praxis, um als Kassenarzt anerkannt zu werden.

Am 16.Januar 1984 eröffnete der 55jährige Arzt und Pfarrer eine Praxis in einer vornehmen Wohnstraße des Elbvorortes Othmarschen. Vor der rosa Gründerzeitvilla mit Fachwerkgiebel stellte er das Schild auf: "Dr. Dr. med. K.-H. Nebe, Arzt, Naturheilverfahren". Erst da schritt die Leitung der Nordelbischen Kirche ein. Offiziell hatte sie weder Nebes Studium, noch seine Tätigkeit als Arzt abgesegnet.

Daß ihr Pastor häufig nicht für sie das war, hatten die meisten der 4000 Gemeindemitglieder seit 1970 hingenommen. Es ging das Gerücht, daß Nebe in die Fußstapfen Albert Schweitzers treten und als Missionsarzt in Entwicklungsländer gehen wolle; es hieß, der Bischof habe ihn dazu ermutigt. Wer hätte ihm da einen Stein in den Weg legen wollen?

Als Pastor Nebe die Praxiseröffnung im Elbe Wochenblatt Mitte Januar ankündigte, fühlte sich die Gemeinde genasführt. Konnte das denn möglich sein, daß die Kirchenleitung das gestattete? Keineswegs war das der Fall. Und so verabschiedete sich Nebe zum ersten April nach 20 Jahren Seelsorge – ohne Erklärung. (Was ihn nicht gehindert hat, bis heute im Pastorat wohnen zu bleiben.)

Auf einer Gemeindeversammlung Anfang Juni sollte das Kirchenamt aus Kiel die Hintergründe der Affäre aufdecken. Die enttäuschten Eidelstedter wollten wissen, ob der Ex-Pastor nun Regreß zahlen muß. Denn weder hatte er Zeit für Besuche gefunden, noch für Seniorenkreise und Jugendgruppen. Er hielt zwar sonntags seine Predigt, aber Beerdigungen und Hochzeiten konnten oft erst nach langem Ringen, um Termine stattfinden.

Die Leitung der Nordelbischen Kirche hält nichts von "Rache" durch Regreßforderungen. Der Personaldezernent, Oberkirchenrat Kramer, appellierte an die Gemeinde, dem Pastor gegenüber christliche Nächstenliebe zu beweisen. Doch diese Beschwichtigung verstärkte bei vielen nur den Eindruck, daß Nebe deshalb so billig davonkommt, weil auch die Aufsichtsstellen "Mist gebaut" haben, wie Kramer sich ausdrückte.