Hörenswert

"A little Westbrook Music". Nach dem "Titanic Song", einem surrealistisch-apokalyptischen, mit verzerrter Stimme gesungenen Untergangsgemälde, fängt man am liebsten wieder von vorn an zu hören: Gedich-Paul Eluard, Rimbaud, auch eines von William Blake über das seltsame Wesen des Menschen, der packend böse vorgetragene "Kanonensong" von Brecht und Weill, und am Schluß der "Titanic Song", der manchen schaudern machen wird: "Zieht die Läden runter, senkt die Lider, wir schließen jetzt. Und bringt die Rollstühle, es ist Zeit zu sterben ... Ade, Nelke im Knopfloch, tätowierte Rose, kugelsichere Limousine..." Sein Verfasser ist der Jazzpianist Mike Westbrook, ein die musikalischen Sparten ignorierender Musiker, den danach verlangt, mit einfachen Mitteln zu provozieren. Zu seinem Trio gehören der Saxophonist und Klarinettist Chris Biscoe sowie Kate Westbrook, seine Frau. Sie spielt Tenorhorn, Bambus- und Pikkoloflöte, vor allem aber singt sie die originellen, teils mystischen, teils zeitkritischen, teils beängstigenden oder idyllischen Gedichte und Balladen, und manche "zersingt" sie auch. Sie ist unbestreitbar die Hauptperson dieser eigenwilligen, dem literarisch-musikalischen Kabarett nicht fernen Musik. (LWM 1 Westbrook Records. CMP Records Kurt Renker, Postfach 445, 5160 Düren. Manfred Sack

Narzißhaft

Lou Reed: "New Sensations". Je schneller man das katastrophal mediokre Live-Doppelalbum vergißt, das dieser neuen Studioproduktion von Lou Reed voraufging, umso besser für den Nachruhm der Velvet Underground-Legende und uns. "New Sensations" ist zumindest passagenweise diskutabel, "Turn To Me" beispielsweise beginnt mit einem vielversprechenden Gitarren-Riff, bis der Song in eine fast parodistische Antwort auf "Let It Bleed" mündet und Reed dem Zuhörer versichert: "When your teeth are ground down to the bone / And there’s nothing between your legs/And some friends died of something that you can’t pronounce/Remember I’m the one who loves you/You can always give me a call." Etwas weniger narzißhaft hatte das noch Jagger im gleichnamigen Titelsong der Stories-LP gesagt. Optimistischer klang vor 15 Jahren sein "We all need someone we can bleed on" auch. – "New Sensations" ist gleichzeitig der beste Song der Platte. Reed folgt Bruce Springsteens Vorbild und flüchtet mit seinen Sportflitzer ins ländliche Amerika, wo Hillbillies noch das einfache Leben leben und alles etwas langsamer zugeht. Die Gitarren im Hintergrund erinnern an dritte Velvet Underground-Album, Reeds einsames Meisterstück der Rock-Lyrik. Die B-Seite ist ein Song-Zyklus über Lou Reeds Lieblingsthema – New York als mythischen Platz, wo alles möglich ist. Zitiert werden Martin Scorseses Filme, und die Hommage von "Doin’ The Things That We Want To" ist gleichzeitig das unfreiwillige, widerwillige Eingeständnis, daß er selber zu soch visionärer Kunst nicht mehr fähig ist wie noch in seinen Anfängen. Er versucht es brav, wenn er über die Titelfigur von "My Friend George" singt, einen plötzlich ausgeklinkten Killer-Typ, der Amok läuft wie Taxifahrer Travis Bickle. Nur klingt das nicht mehr so überzeugend. "What Becomes A Legend Most" fragt er rhetorisch im Songtitel – und meint eigentlich sich selber. Mit seinen autobiographischen Spätwerken der letzten Jahre wurde er die Gloria Swanson der Rockmusik und akzeptiert das wohl irgendwie auch. (RCA PL 84 998) Franz Schöler