Von Lothar Baier

Wenn auch alle Menschen sterblich sind, so sind sie es doch nicht alle auf gleiche Weise. Manche scheinen schon beizeiten von ihrer Sterblichkeit gezeichnet, so daß ihr Tod nur einem Wechsel der Beleuchtung gleicht. Andere sterben zusammen mit einem Werk oder einer Idee, die sich überlebt haben. Der Tod des französischen Philosophen Michel Foucault versperrt den tröstlichen Ausweg in den Symbolismus des Sterbens: Ein Tod in seiner nackten Brutalität, vom tout.

Mit Sartre, hat man sagen können, sei eine Epoche zu Ende gegangen. Der Unfalltod von Roland Barthes wurde als halber Selbstmord ausgegeben. Jacques Lacan starb in einem Augenblick, als seine psychoanalytische Schule zu einem Kasperletheater heruntergekommen war.

Foucault dagegen war in keiner Beziehung am Ende; er steckte noch mitten in der Arbeit an seiner 1976 begonnenen, auf sechs Bände angelegten "Geschichte der Sexualität". 1983 hatte er zusammen mit dem Philosophen François Wahl und dem Althistoriker Paul Veyne im Verlag Le Seuil eine neue Buchreihe gegründet und das Erscheinen eines großen Essays angekündigt: keine Spur von Resignation.

Sein Sterben selbst gehört zur reinen Kontingenz: Anders als die Nachrichtenagenturen vorschnell andeuteten, hat sein Tod nichts mit einer Intellektuellen gemäßen Nervengeschichte zu tun. Michel Foucault starb laut ärztlichem Communique an den Folgen einer schweren Blutvergiftung, am 25.Juni 1984 um 13.15 Uhr im Alter von 57 Jahren.

Aus Anlaß des Todes eine Bilanz seines theoretischen Werks ziehen, einen großen Titel finden, unter dem Foucault dann in Ruhe begraben werden kann, scheint mir zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Wenn Foucaults Freund und Kollege am College de France, Paul Veyne, Foucaults Werk für das wichtigste Ereignis im Denken dieses Jahrhunderts hält, so ist das eine respektable Freundschaftsgeste, der niemand mit Präzisionsinstrumenten zu Leibe rücken wird. Eine Festellung allerdings läßt sich ohne Wenn und Aber treffen: aus den intellektuellen Debatten der letzten zwanzig Jahre sind Foucaults Theorien nicht wegzudenken. Und wenn sein Denken auch nicht immer als Denken, sondern auch als Mode, Mißverständnis und Gerücht zirkulierte, so hat es überall Spuren hinterlassen und kommt an Orten zum Vorschein, an denen es niemand vermutet hätte. Es ist ja noch kein Zeichen von Wirkung, wenn ein Autor zum Gegenstand akademischer Abhandlungen wird; Dissertationen über Foucault sind Legion.

Wenn ein Autor aber auch dort unverwechselbar präsent ist, wo sein Name nicht fällt, dann hat er es geschafft, dann hat er Wirkung. Ein solcher Autor ist Foucault; in der Denkbewegung, die seine Bücher auslösten, lebt er weiter, wahrscheinlich noch lange Zeit.