DDR-Anwalt Wolfgang Vogel vermittelt im "Besetzer" -Konflikt

Von Dettmar Cromer

Berlin, im Juli

Mögen im geteilten Deutschland Regierungen und damit auch Minister und Staatssekretäre ebenso gewechselt haben wie Parteivorsitzende oder Generalsekretäre – in den deutsch-deutschen Beziehungen gibt es seit über zwanzig Jahren eine Konstante, man könnte auch sagen, eine Institution: den Ost-Berliner Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel. Er stand auch jetzt wieder im Mittelpunkt der Bemühungen, dem halben Hundert Menschen, die sich in die Bonner Vertretung geflüchtet hatten, einen Ausweg aus der Sackgasse zu bahnen. Wolfgang Vogel ist auch an Westberliner Gerichten zugelassen, mit Vorliebe Strafverteidiger, seit 1969 Ehrendoktor der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften der DDR, seit 1975 Träger des "Vaterländischen Verdienstordens" in Gold. Im Oktober letzten Jahres wurde er anläßlich des 34. Jahrestages der DDR-Gründung "in Würdigung hervorragender Verdienste um die Verständigung und die Freundschaft der Völker und um die Erhaltung des Friedens" sogar mit dem "Großen Stern der Völkerfreundschaft" ausgezeichnet.

Diese auch für DDR-Verhältnisse ungewöhnliche Anhäufung von Ehrungen zeigt, wie wichtig die Arbeit dieses Juristen der DDR-Führung erscheint. Im Westen ist er oftmals mißverstanden worden, im Osten Deutschlands sicherlich nicht ohne Kritiker und Neider gewesen. Doch ist sich Wolfgang Vogel durch all die Jahre selbst treu geblieben. Bewußt im Hintergrund stehend, stets mit großer Diskretion handelnd – so hat er in über zwei Jahrzehnten vielen Menschen geholfen. Darunter waren solche, die mit den Gesetzen der DDR in Konflikt geraten waren, Angehörige von Familien, die durch die Teilung getrennt wurden, aber auch Menschen, die in eine Notlage geraten waren. Jüngstes Beispiel: Vogels Bemühen, zusammen mit dem Staatssekretär im Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, Ludwig Relinger, die "Besetzung" von Bonns Ständiger Vertretung in Ost-Berlin durch DDR-Flüchtlinge auf eine für beide Seiten erträgliche Weise zu beenden.

Spektakuläre Fälle

Vogel und Relinger kennen sich seit den sechziger Jahren, als der Büroleiter des damaligen Bundesministers für Gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel, mit dem Ost-Berliner Anwalt über Familienzusammenführung und Häftlingsfreikauf verhandelte. Solche zum Teil jahfzehntealten Bekanntschaften verbinden Vogel mit vielen in der westdeutschen Politik. öfter hörte man in Bonn, Rechtsanwalt Vogel sei wieder einmal beim "Onkel" gewesen, dem früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, dessen Treffen 1973 mit SED-Generalsekretär Honecker in Wandlitz bei Berlin Vogel vorbereitet hatte. Der Vertraute Honeckers besuchte Wehner auch in seinem Haus auf der schwedischen Insel Öland – gerade in jüngster Zeit wieder; er war Gast bei Bundeskanzler Schmidt in dessen Sommerhaus am Brahmsee und nahm gelegentlich an dessen Geburtstagsfeier teil. Immer wenn es galt, in heiklen Fragen zu sondieren, zu vermitteln und Probleme zu lösen, die nur mit äußerster Diskretion behandelt werden konnten, war Vogel zur Stelle.